Kommentar

Macrons Präsidentschaft Für Frankreich ein Glücksfall

Stand: 07.05.2018 11:48 Uhr

Den Blockierern keine Chance: Macron hat in seinem ersten Jahr als Präsident Reformen angepackt und Frankreich ordentlich durchgeschüttelt. Sein Regierungsstil tut dem Land gut.

Ein Kommentar von Barbara Kostolnik, ARD-Studio Paris

Dieser Präsident ist ein Glücksfall. Er hat einem Land, das jahre- und jahrzehntelang im Lamento über "la crise" und den generellen Niedergang um sich selbst kreiste und jegliche Veränderung manisch ablehnte, neues Leben eingehaucht. Wobei von Hauchen keine Rede sein kann. Wir sind bei Windstärke zwölf!

Emmanuel Macron hatte die Französinnen und Franzosen befragen lassen, in einer Bürgerbefragung von Haustür zu Haustür, der sogenannten "grande marche". Was sind ihre Sorgen, ihre Probleme, was beschäftigt sie in ihrem Alltag, wollte er wissen. Daraus hat er ein Programm gefertigt. Das Wahlprogramm, das er nun Schritt für Schritt und gänzlich kompromisslos in die Tat umsetzt. Versprochen - gebrochen soll es mit diesem Präsidenten nicht geben, und das ist auch gut so.

Wer denn, wenn nicht er?

Die Reformen, die auf das Land herunterprasseln wie ein Platzregen im August, haben nur ein Ziel: Frankreich für die Zukunft besser aufzustellen. Für eine Zukunft, die schon lange begonnen hat und die bisherige Regierungen und Präsidenten schlicht verschlafen hatten. Die Dynamik, die dieser Präsident entfacht, heißen naturgemäß nicht alle gut, wie bei diversen Streiks und Demos zu beobachten ist.

Vor allem im extrem linken und im extrem rechten Spektrum der Republik murren sie über Macron. Den Linken macht er den Sozialstaat, in dem sie es sich jahrzehntelang bequem eingerichtet hatten, kaputt. Den Rechten das sehr praktische Bild einer Opfernation, die von bösen Mächten - nämlich der EU - fremdbestimmt und von Migranten überschwemmt ist. Macron räumt auf mit den Mythen der Extreme, seine satte Mehrheit in der Nationalversammlung hilft dabei.

Dass ihn nicht alle dafür lieben, muss ihn nicht bekümmern. Tut es auch nicht. Kein heißes Eisen, das er nicht anfasst. Denn wenn nicht er, wer denn? Ob Eisenbahn-, Ausbildungs- oder Asylrechtsreform: Der Mann geht dahin, wo es hakt, und wo es weh tut. Schwierigkeiten, sagt er selbst, halten ihn nicht auf.

Frischzellenkur in der Nationalversammlung

Dieses beherzte Vorgehen ist beeindruckend, wenn man um die Protestkultur im Land weiß. Und es wird geschätzt - vor allem von denjenigen, die genug haben vom grassierenden Miesepetertum, und die auf ihr Land stolz sein wollen, ohne dafür andere herabwürdigen zu müssen. Um die politische Landschaft grundlegend umzupflügen, hat er nicht einmal ein Jahr gebraucht. Die Frischzellenkur, die der gerade 40-jährige Präsident der Politik verpasst hat, wirkt: Die "En-Marche"-Abgeordneten in der Nationalversammlung sind jünger, es sind mehr Frauen, mehr Menschen, die ein Leben jenseits politischer Zirkel und Elite-Blasen kennen. Sie bringen ihre Erfahrungen in die Gesetzgebung ein, auch wenn der Impuls vom Präsidenten und seiner Regierungsmannschaft kommt. Im Kabinett gilt die Devise: Expertise first, potentielle Egoshooter hat der Präsident vorsorglich aus seiner Ministerriege entfernt. Mit dem positiven Nebeneffekt, dass ihm keine und keiner bislang die Schau gestohlen hat.

Nach einem Jahr Macron kann man eine erste Bilanz ziehen. Macron wirkt. Auch wenn es noch zu früh ist zu sagen, dass und wie die Reformen greifen. Frankreich schüttelt sich gerade. Die Republik ist "En Marche", ist in Bewegung geraten. Und das hat sie diesem Präsidenten zu verdanken.

Redaktioneller Hinweis

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Über dieses Thema berichteten am 07. Mai 2018 Deutschlandfunk Nova um 06:50 Uhr und NDR Info um 12:38 Uhr.

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