Kommentar

Fall Khashoggi Das Unvorstellbare ist eingetreten

Stand: 20.10.2018 14:09 Uhr

Ist Saudi-Arabien so weit gesunken wie Hussein und Gaddafi, Oppositionelle einfach ermorden zu lassen? Offensichtlich ja, meint Reinhard Baumgarten: Die Ermordung Khashoggis sei eine unmissverständliche Botschaft an alle Kritiker.

Ein Kommentar von Reinhard Baumgarten, SWR

Jamal Khashoggi war kein Mann, der sich mit durchtrainierten Bodygards auf einen Faustkampf eingelassen hätte. Jamal Khashoggi war ein Mann des Wortes, nicht der Faust. Jamal Khashoggi war redegewandt und scharfzüngig.

2003 gab er der ARD in Saudi-Arabien ein Interview. Damals war er Chefredakteur des Reformblattes "Al-Watan". 52 Tage hatte er diesen Job. Dann wurde er auf Druck erzkonservativer Kleriker entlassen. Vier Jahre später hat er den Posten noch einmal angenommen und drei Jahre als Chefredakteur gearbeitet.

Jetzt soll es wie ein Unfall aussehen

Jamal Khashoggi ist tot. Er wurde ermordet. In Istanbul. Im Saudi-Arabischen Generalkonsulat. Das Unvorstellbare ist eingetreten. Die Herrscher des wahabitischen Königreichs räumen eine kritische Stimme aus dem Weg. Riad spricht offiziell von einem Unfall.

Aber noch einmal: Jamal Khashoggi war kein Mann, der sich mit durchtrainierten Bodygards auf einen Faustkampf eingelassen hätte. Diese Leute sind losgeschickt worden, um ihn mundtot zu machen. Jetzt soll es wie ein Unfall aussehen. Jetzt werden die mutmaßlichen Mörder in Haft genommen, werden Bauern in diesem schmutzigen Spiel geopfert. Die wahren Täter, die Auftraggeber für dieses infame Verbrechen, versuchen, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Khashoggi stellte Handeln des Prinzen infrage

Vieles spricht dafür, dass die Mörder im Auftrag oder zumindest mit Billigung des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman alias MBS gehandelt haben. Khashoggi war ein kritischer Journalist, ein exzellenter Kenner der innersaudischen Machtverhältnisse und Insider des Königshauses.

Er hat das zunehmend autokratische Gebaren sowie die bellizistische Außenpolitik von MBS infrage gestellt. Seit drei­einhalb Jahren lässt bin Salman den Jemen in Grund und Boden bomben. Niemand hindert ihn daran, die USA liefern Waffen und Logistik.

Bin Salman - ein ruchloser Autokrat

Mohammed bin Salman wird in westlichen Medien gerne mit dem Etikett "Reformer" versehen - weil Frauen in Saudi-Arabien endlich Auto fahren dürfen, weil es dort jetzt ein paar öffentliche Kinos gibt, weil er die Wirtschaft diversifizieren und den Einfluss erzkonservativer Kleriker beschneiden will.

Die Kehrseite der Medaille: Bin Salman entwickelt sich zum ruchlosen Autokraten, der keinen Widerspruch und keine Kritik duldet. Die Ermordung von Khashoggi ist ein Fanal. Saddam Hussein und Muammar al Gaddafi haben Dissidenten und Oppositionelle ermorden lassen. Ist Saudi-Arabien auf dieses Niveau gesunken?

Khashoggis Verschwinden ist eine unmissverständliche Botschaft an all jene, die mit dem Kurs von MBS nicht ein­verstanden sind: Schweigt besser, oder wir bringen euch zum Schweigen.

Trump glaubt Räuberpistole aus Riad

Die westlichen Freunde Saudi-Arabiens tun sich schwer damit, auf Khashoggis Schicksal zu reagieren. Berlin, Paris, London, Brüssel - sie wollen Riad nicht verprellen, hoffen auf gute wirtschaftliche Beziehungen. Präsident Trump glaubt die hanebüchene Räuberpistole aus Riad. Für 450 Milliarden Dollar habe Saudi-Arabien Waffen und Dinge in den USA bestellt, sagt er selbstzufrieden.

Wer wie er dieses infame Verbrechen herunterspielt, billigt das Vorgehen der Mörder und seiner Auftraggeber. Saudi-Arabien wird zunehmend zu einem unberechenbaren Partner und gefährlichen Akteur im Pulverfass Nahost. 

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Oktober 2018 um 13:11 Uhr.

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