Kommentar

Kardinal Müller und Corona Weltweite Allianz der Unvernunft

Stand: 11.05.2020 08:33 Uhr

Mit der Corona-Pandemie greifen Verschwörungstheorien um sich - und auch hochrangige Kirchenvertreter stimmen mit ein. Es bildet sich eine Allianz der Unvernunft.

Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung

Vergangenen Donnerstag haben Papst Franziskus und Angela Merkel miteinander telefoniert. Man habe über Zusammenhalt und Solidarität in der Welt angesichts der Corona-Pandemie gesprochen.

Zeitgleich veröffentlichen Kardinäle und Bischöfe der katholischen Kirche gemeinsam mit Ärzten, Journalisten und Juristen einen Aufruf, der die Intention dieses Gespräches auf jede nur denkbare Weise konterkariert.

Allein die Tatsache, dass sich die deutsche Bundeskanzlerin mit dem Papst berät, dürfte den Unterzeichnern des Appells bereits als Beleg für ihren kruden Verschwörungsmythos genügen.

"Technokratische Tyrannei"

Leichtfertig wird hier von einer Weltregierung schwadroniert, die sich jeder Kontrolle entziehe, die Epidemie sei nur ein Vorwand, um die grundlegenden Rechte von Bürgern zu verletzen. Zitat: "Wir lassen nicht zu, dass Jahrhunderte christlicher Zivilisation … ausgelöscht werden, um eine hasserfüllte technokratische Tyrannei zu begründen."

Bei den Demonstrationen gegen die Corona-Beschränkungen am Wochenende wurden solche Sätze gern zitiert. Da bildet sich gerade eine weltweite Allianz der Unvernunft, des Egoismus und der scheinbar grenzenlosen Dummheit.

Diese Bewegung darf sich nun auch über den ehemaligen Präfekten der römischen Glaubenskongregation, den deutschen Kardinal und Theologieprofessor Gerhard Ludwig Müller, als prominenten Unterstützer freuen.

Müller als der Hans-Georg Maaßen der Katholiken

Müller ist so etwas wie der Hans-Georg Maaßen der katholischen Kirche. Wie der ehemalige Verfassungsschützer wurde auch der Glaubensschützer unsanft aus seinem hohen Amt entfernt.

Die Kränkung sitzt tief und das verletzte Ego findet bei Rechtspopulisten und katholischen Traditionalisten die Zustimmung, die ihm die meisten Katholiken hierzulande und auch der Papst verweigern. "Kardinal Müller ist der Donald Trump der katholischen Kirche", sagt Fürstin Gloria von Thurn und Taxis - und meint das als Lob.

Wenn der Papst die Zerstörung des Amazonas-Urwalds zum Thema einer Synode macht, warnt Müller seine Kirche davor, eine "naturreligiöse Lobby der Ökologiebewegung" zu werden. Und wenn Franziskus auf Katholiken zugeht, die geschieden sind und wieder geheiratet haben, ätzt Müller: "Wir akzeptieren keine Polygamie."

Und nun Corona

Gemeinsam mit einigen anderen randständigen Purpurträgern, die allesamt die Opposition zu Papst Franziskus eint, schwafelt er von einem "Alarmismus", der "in keinster Weise gerechtfertigt" sei. Müller spricht auch von "Panikmache" - alles ohne Belege, aber im Brustton der guten katholischen Überzeugung.

Auch wenn sich der Aufruf an "Katholiken und alle Menschen guten Willens" richtet: Papst Franziskus darf sich besonders angesprochen und herausgefordert fühlen. Er wirbt seit Beginn der Corona-Krise für Rücksichtnahme und Solidarität. Alle öffentlichen Veranstaltungen im Vatikan sind bis auf weiteres abgesagt.

Innerkirchliche Gegner

Franziskus sieht die Kirche als Teil einer weltweiten Gemeinschaft, die gegen das Virus kämpft, nicht als deren Gegenentwurf. Die Kirche ist für Franziskus ein "Feldlazarett", in dem die Kranken und Schwachen versorgt werden.

Nie war dieses Bild treffender als in den Zeiten von Corona. Und nie wurde die Armseligkeit seiner innerkirchlichen Gegner offensichtlicher.

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Über dieses Thema berichtete BR24 am 09. Mai 2020 um 16:28 Uhr.

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