Kommentar

Feiern zur Einheit Zukunftskonzepte statt Folklore

Stand: 02.10.2019 18:33 Uhr

Die Feiern zur Deutschen Einheit erstarren in Bratwurst-Ritualen und Einheitsfolklore. Es ist Zeit, sie für den Blick nach vorne und Diskussionen über neue politische Konzepte zu nutzen.

Ein Kommentar von Angela Tesch, ARD-Hauptstadtstudio

Der Osten ist anders und sollte es auch bleiben. Alle Jahre wieder hat die Deutsche Einheit ihren Feiertag. Bei Bratwurst, Fischbrötchen oder Buletten - je nachdem, welches Bundesland die offizielle Feier ausrichtet - werden die Bilder des Mauerfalls beschworen.

Zweifel an deutsch-deutscher Sturzgeburt

Politiker halten Reden über diese historische Chance der Deutschen. Helmut Kohls Mantel der Geschichte, er flattert wieder. Einheits-Folklore und ja, bei den Älteren auch ein bisschen Gänsehaut. Doch es hat sich etwas grundlegend verändert im Selbstverständnis der Deutschen: Nur noch die Hälfte hält heute diese deutsch-deutsche Sturzgeburt von 1990 für gelungen.

In Ostdeutschland ist die Skepsis noch größer. Jeder zweite Ostdeutsche fühlt sich als Bürger zweiter Klasse. Das ergab eine Umfrage vor wenigen Tagen. Statt Einheit also Zweiheit, Protestwahlen in Sachsen und Brandenburg gegen die Parteien, die dort jahrzehntelang regiert haben. Na und? Demokratie verlangt geradezu revolutionäre Geduld, bis an die Schmerzgrenze, verordnet Altbundestagspräsident Wolfgang Thierse. Unser politisches System hält das aus. Es macht die Debatten von Gemeinderäten bis hinein in den Bundestag streitbarer. Und wacher für die Probleme, die unsere Zukunft und die unserer Kinder bestimmen.

Neue politische Konzepte sind gefragt

Statt immer wieder rund um den 3. Oktober zurückzuschauen und die Wiedervereinigung als gesamtdeutsche Erfolgsgeschichte zu beschwören - die leider immer noch eine Geschichte ist, die aus westdeutscher Sicht erzählt wird, mit der Botschaft: Ossis, werdet wie wir! - sollten in Ost und West, Nord und Süd, in Städten und auf dem Land konkrete politische Konzepte diskutiert werden. Gegen Überalterung und Fachkräftemangel, für die Digitalisierung der Arbeitswelt, den Einsatz künstlicher Intelligenz und gegen Umweltschäden, die wie der Borkenkäfer Landschaften und Vielfalt dezimieren.

Der Osten ist anders

Die Ostdeutschen, die es im Übrigen so als homogene Gruppe mit DDR-Brandmarke nicht gibt, sind für diesen Prozess gut gerüstet. Sie haben wirtschaftliche Einbußen erlebt bis hin zur Existenzbedrohung durch Arbeitslosigkeit. Sie verloren politische Gestaltungsmacht durch den Beitritt nach Artikel 23 Grundgesetz. Was sie geleistet hatten, zählte plötzlich nicht mehr. Es war ein kompletter Systemwandel bis hinein ins Privatleben, den es zu organisieren galt. Für die Westdeutschen änderte sich nach 1990 nichts, für die meisten Ostdeutschen alles. Der Osten ist anders und das ist auch gut so.

Der Osten ist anders und sollte es auch bleiben
Angela Tesch, ARD Berlin
02.10.2019 17:47 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. Oktober 2019 um 17:08 Uhr.

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