Polizisten führe einen Demonstranten in Minsk ab. | STR/EPA-EFE/Shutterstock
Kommentar

Belarus nach der Wahl Nicht wegsehen!

Stand: 09.08.2021 19:41 Uhr

Es sieht so aus, als habe Lukaschenko gewonnen. Die "Säuberung" sei in vollem Gange, erklärte er. Die Demokratiebewegung in Belarus ist nahezu erstickt - und gerade deshalb ist es wichtig hinzuschauen.

Ein Kommentar von Martha Wilczynski

Es war nicht anders zu erwarten: Das sogenannte "Große Gespräch mit dem Präsidenten" war eine Generalabrechnung Alexander Lukaschenkos mit all jenen, die es wagen, Kritik zu üben - an ihm, dem Mann, der Belarus nach eigener Ansicht seit 27 Jahren sicher durch stürmische Zeiten lenkt. Schafe, Ratten, Terroristen - Lukaschenko hat viele Worte für diejenigen, die auf der Straße faire und transparente Neuwahlen forderten. Die Proteste selbst - ein vom Westen provozierter Putschversuch.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Und so sind es nicht nur die vielen Falschaussagen, Verleumdungen und wütenden Anschuldigungen, die seine über Stunden andauernden Tiraden so unerträglich machen. Es ist vor allem der Zynismus und die Selbstverständlichkeit, mit der Lukaschenko sein eigenes Volk durch den Dreck zieht.

Lukaschenkos Worte sind bittere Realität

Ja, teilweise fällt es schwer, überhaupt ernst zu nehmen, was er da sagt. Doch genau das müssen wir - Lukaschenko ernst nehmen. Denn so absurd und hanebüchen seine Aussagen für Unbeteiligte klingen mögen: Für die Menschen in Belarus und die Belarusen außerhalb des Landes ist das, was dahinter steckt, bittere Realität.

Zehntausende sind allein in den vergangenen 365 Tagen festgenommen worden. Viele davon wurden gefoltert und eingeschüchtert. Einige leben heute nicht mehr. Mehr als 4700 Strafverfahren wurden bereits eingeleitet, und es werden sicher noch mehr werden. Denn die "Säuberung", wie Lukaschenko das Vorgehen seines Machtapparates nennt, läuft.

"Den Müll rausgebracht"

Größere Proteste gibt es deswegen schon lange nicht mehr - auch nicht an diesem für die Demokratiebewegung so wichtigen Jahrestag. Auch habe er sein Land von schädlichen ausländischen Journalisten befreit - "den Müll rausgebracht", wie er es selbst nannte. Bereits Wochen vor der Wahl wurde es für ausländische Berichterstatter immer schwieriger, eine Presseakkreditierung zu bekommen - mittlerweile ist es fast unmöglich. Allein zum "Großen Gespräch" waren wieder mehrere ausländische Medienvertreter zugelassen.

Lukaschenko hat mehrfach bewiesen, dass er keine Zeugen wünscht bei dem, was in seinem Land passiert. Über Monate haben die Menschen in Belarus friedlich demonstriert, sich mit kreativen Ideen dem immer brutaler zupackenden Machtapparat entgegengestellt. Sie hatten unsere Aufmerksamkeit und sollten sie auch jetzt nicht verlieren. Denn das ist, worauf Lukaschenko - der sogenannte letzte Diktator Europas -, eigentlich setzt: Dass es wieder still wird in und um Belarus - wie in der Vergangenheit schon zu oft passiert.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wieder und nicht die der Redaktion.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. August 2021 um 17:09 Uhr.