Kommentar

Eine österreichische Schülerin hat sich für den "Fridays for Future"-Protest mit blauer Farbe Ozeane auf das Gesicht geschminkt. | Bildquelle: AFP

"Fridays for Future"-Proteste "Schulschwänzer" - Ihr seid großartig!

Stand: 15.03.2019 16:24 Uhr

Die Botschaft von "Fridays for Future" ist klar: Tut mehr fürs Klima! Und je länger die Proteste anhalten, desto schwerer wird es, Hunderttausende Stimmen weltweit zu überhören.

Ein Kommentar von Jürgen Döschner, WDR

Danke, liebe "Schulschwänzer" - Ihr seid großartig! Ihr habt mit "Fridays for future" die größte internationale, friedliche Bürgerbewegung geschaffen, die es je gegeben hat. Noch nie sind so viele Menschen in so vielen Ländern der Welt an einem Tag für eine so wichtige Sache auf die Straße gegangen.

"Alle Fakten auf eurer Seite"

Ihr habt das wichtige Thema Klimaschutz durch eure wöchentlichen Aktionen auf die Straße, in die Schlagzeilen, in die Familien und in den Unterricht geholt. Ihr habt keine Partei, keine zentrale Organisation, kein Programm - und doch habt Ihr alles richtig gemacht. Denn Euer Programm wurde längst geschrieben, zuletzt durch das Pariser Klimaschutzabkommen. Auch die wissenschaftlichen Studien und Belege dafür liegen seit Jahren auf dem Tisch - einschließlich der Vorschläge, wie effektiver Klimaschutz aussehen muss. Ihr habt alle Fakten auf eurer Seite. Ihr seid friedlich. Ihr seid hartnäckig.

Nun ist es an der Politik, endlich zu reagieren. Und zwar nicht mit gebetsmühlenartig wiederholten Verweisen auf die Schulpflicht oder tatenlosem Beifallklatschen. Was ist schon Schulschwänzen am Freitag gegen das tägliche Klimaschwänzen der Regierenden? Ihr habt es verdient, ernst genommen zu werden und dass man sich inhaltlich mit Euch und Euren Forderungen auseinandersetzt.

Warnzeichen werden ignoriert

Doch bislang haben die Regierenden Euch ignoriert - so, wie sie steigende Meeresspiegel, schmelzendes Eis in der Arktis, Stürme, Dürre, Fluten und andere Extremwetter ignorieren. So, wie sie die Warnungen der Wissenschaft und selbst ihre eigenen Beschlüsse wie das Pariser Klimaschutzabkommen ignorieren.

Bitte, liebe "Klimaschwänzer" in Berlin: Nehmt die Sorgen und Ängste eurer Kinder und Enkel ernst. Dieser "Freitag für die Zukunft" war ein Höhepunkt, aber gewiss kein Schlusspunkt. Die Schülerinnen und Schüler werden lauter sein als Wirbelstürme, hartnäckiger als Dürre oder Dauerregen.

Lauter als jeder Wirbelsturm

Sie werden Euch mit ihren Aktionen solange Feuer unterm Hintern machen, bis Ihr spürt, was Erderhitzung bedeutet, bis Ihr mit ihnen redet, bis Ihr die Warnungen und Empfehlungen der Wissenschaftler ernst nehmt und wirksame Maßnahmen gegen die Klimakrise beschließt. Bis Ihr zum Beispiel eine CO2-Steuer einführt, Verbrennungsmotoren verbietet, Subventionen für Öl, Gas und Kohle, für Diesel und dicke Dienstwagen streicht, den Ausbau der Erneuerbaren beschleunigt, den Weg für einen kompletten Kohleausstieg bis 2030 frei macht. Kurzum: Den Verpflichtungen nachkommt, die Ihr mit der Unterschrift unter das Pariser Klimaschutzabkommen eingegangen seid.

Dieser 15. März 2019 ist eine Wende in der Klimaschutzdebatte. Die Jugend, die Betroffenen haben auf beeindruckende Weise das Wort ergriffen. Und ihre klare Ansage lautet: Wir werden die Untätigkeit der Verantwortlichen nicht länger hinnehmen. Wir streiken so lange, bis Ihr handelt. In Deutschland und weltweit. Diese Botschaft kann man nicht ernst genug nehmen.

Redaktioneller Hinweis

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. März 2019 um 17:00 Uhr.

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Jürgen Döschner, WDR

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