Das Gutachten zu Fällen von sexuellem Missbrauch im katholischen Erzbistum München und Freising. | dpa
Kommentar

Missbrauch im Erzbistum München Ein Blick in den Abgrund

Stand: 20.01.2022 18:32 Uhr

Das Gutachten zum Missbrauch im Erzbistum München offenbart ein System, in dem die Verantwortlichen weiter leugnen, vertuschen und ignorieren, meint Tilmann Kleinjung. Der Ruf der katholischen Kirche ist nun gründlich beschädigt.

Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung

Es ist ein Blick in den Abgrund. Mal wieder. Die Münchner Rechtsanwälte zeichnen das Bild einer unmöglichen Kirche. Unbarmherzig mit den Opfern, Barmherzig mit den Tätern. 497 Kinder und Jugendliche sind zwischen 1945 und 2019 von Priestern, Diakonen, Mitarbeitern der Kirche sexuell missbraucht worden. Mindestens. 235 Täter hat die Anwaltskanzlei identifiziert. Mindestens.

Tilmann Kleinjung

Bekannt ist, was in den Akten des Erzbistums steht. Experten sprechen vom Hellfeld. Das Dunkelfeld ist größer. Deshalb sind diese Zahlen wenig aussagekräftig. Es geht in diesem umfangreichen Gutachten aber gar nicht so sehr um die Zahlen. Es geht um ein System. Wer hat Missbrauch ermöglicht, vertuscht, ignoriert?

Ein verheerendes Zeugnis

Und da geraten die Verantwortungsträger in den Blick. Die Vorgesetzten, die Generalvikare, die Bischöfe. Ihnen stellt das Gutachten ein weitgehend verheerendes Zeugnis aus. Beginnen wir beim Amtsinhaber: Kardinal Reinhard Marx. Ihm werfen die Gutachter vor, die Missbrauchsfälle lange nicht als Chefsache behandelt zu haben.

Der öffentliche Eindruck war eigentlich ein anderer: Marx, der Macher, der die Zeichen der Zeit erkannt hat. Erst ab 2018 war das dann tatsächlich so, als die Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz den massenhaften Missbrauch an Kindern und Jugendlichen belegt hat.

Marx ist Auftraggeber dieser Studie, und hat bei der Beauftragung weder sich noch seine Vorgänger geschont. Das ist stark. Schwach, dass er nicht persönlich bei der Präsentation des Gutachtens anwesend war. Für die Betroffenen und die Kirche wäre das ein wichtiges Bild gewesen: Wie ein Kardinal für alle sichtbar sich dem Urteil der Gutachter stellt.

Keine Einsicht, keine Verantwortung

Bedrückend ist, was die Rechtsanwälte über seinen Vorgänger Kardinal Friedrich Wetter festgestellt haben. Der war 25 Jahre lang Erzbischof in München. Und das nicht in grauer, grauer Vorzeit, sondern bis ins Jahr 2008. Von der wachsenden Aufmerksamkeit in Kirche und Gesellschaft gegenüber Missbrauchsverbrechen in den eigenen Reihen hat er offenkundig nichts mitbekommen.

In 21 Fällen soll Wetter nicht angemessen reagiert haben. Und er bestreitet gar nicht, von den Fällen gewusst zu haben, will nur ein Fehlverhalten seinerseits nicht erkennen. Verantwortungsverdrängung auf höchster Ebene.

Leugnen und abstreiten

Womit wir bei Joseph Ratzinger wären. Der war nur fünf Jahre Erzbischof in München, von 1977 bis 1982. Auch ein Verantwortungsträger, der keine Verantwortung übernehmen will. Wortreich erklärt der emeritierte Papst, warum sich er in den vier ihm zur Last gelegten Fällen, nicht falsch verhalten hat. Er bestreitet jede Kenntnis.

Er will an Sitzungen nicht teilgenommen haben, selbst wenn ihn das Sitzungsprotokoll als Teilnehmer ausweist. Er differenziert bei Tätern, ob diese als Priester oder Privatpersonen gehandelt haben. Als würde das für die Betroffenen irgendeine Rolle spielen.

Mit solchen Spitzfindigkeiten zeigt Joseph Ratzinger mehr als deutlich, dass es ihm immer in erster Linie um den Ruf der Institution ging und letztlich auch um seinen Ruf. Der ist nun gründlich beschädigt. Dabei wäre es so einfach gewesen. Ein Satz hätte genügt: ein einfaches "Es tut mir leid".

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 20. Januar 2022 um 18:38 Uhr.