Ein Priester hält einen Rosenkranz und eine bischöfliche Erklärung zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater in der Hand. | dpa
Kommentar

Umgang mit Missbrauchsopfern Die Kirche muss die Opfer im Dunkeln suchen

Stand: 27.01.2022 18:00 Uhr

Kardinal Marx hat so offen um Verzeihung gebeten wie kaum ein Bischof vor ihm. Doch das reicht nicht. Die Katholische Kirche muss großzügig entschädigen - und die Opfer im Dunkelfeld suchen.

Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung, BR

Die katholische Kirche steckt in einem Dilemma. Je ernsthafter und gnadenloser sie sich der eigenen Vergangenheit stellt, desto mehr entsteht der Eindruck des kompletten Versagens. Desto mehr Menschen wenden sich ab, treten aus, desto heftiger ist die Kritik an der Kirche von heute.

Tilmann Kleinjung

Kardinal Marx hat das schonungslose Gutachten in Auftrag gegeben, in dem Anwälte nachweisen, wie im Erzbistum München Missbrauch systematisch vertuscht, Täter gedeckt und Opfer ignoriert wurden. Marx mag an dieser Skandalhistorie einen geringeren Anteil haben. Als amtierender Erzbischof muss er nun aber die Konsequenzen ziehen und auch für die Fehler seiner Vorgänger und seines Apparats geradestehen. So ist das nun mal mit der Verantwortung.

Kein zweites Rücktrittsgesuch

Dass ein Rücktritt des Erzbischofs ausscheidet, hat Papst Franziskus schon im vergangenen Sommer deutlich gemacht. Ein zweites Rücktrittsgesuch hat Reinhard Marx nicht nach Rom geschickt. Der Ärger der Betroffenen über diese Entscheidung ist verständlich. So entsteht der Eindruck: Wir machen weiter wie bisher.

Dabei hat Kardinal Marx in seinem XL-Statement zum Gutachten das Gegenteil gesagt. Der klassische katholische Bußritus: Einsicht in die persönliche Schuld, Reue und Umkehr. Marx hat sein Versagen eingestanden: "Es gab bei uns kein wirkliches Interesse an dem Schicksal, dem Leiden der Opfer." Er hat dafür um Entschuldigung gebeten. So offen, wie kaum ein Bischof vor ihm. Und er hat Besserung gelobt. Er will einen Perspektivwechsel einleiten.

Ratzinger geht es um den Schutz der Institution

Viel zu lange hat die Kirche den Missbrauchsskandal aus der Perspektive der Institution betrachtet und nicht durch die Brille der Betroffenen. Wenn Marx das wirklich ernst meint, dann hätte er die unwürdige Salamitaktik seines Vorvorgängers Joseph Ratzinger durchaus deutlicher kritisieren dürfen. Denn in den Einlassungen des 94-jährigen Ex-Papstes scheint sie ja noch durch: die alte Perspektive, die vor allem auf die Reputation der Kirche und ihrer Ämter bedacht ist. Ja kein Flecken auf dem weißen Talar!

Wenn dem Münchner Erzbischof wirklich ernst ist damit, sich auf die Seite der Opfer zu stellen, dann muss er die Entschädigungspraxis der Kirche ändern. Denn in den wenigsten Fällen entschädigt die Kirche im Moment unbürokratisch und großzügig. Viele Betroffene empfinden das Verfahren als erneut traumatisierend.

Und schließlich muss sich Kardinal Marx ernsthaft auf die Suche machen nach den Opfern, die die Verfasser des Gutachtens in einem gigantischen Dunkelfeld vermuten. Die Aufarbeitung eines derartigen Skandals nach Aktenlage ist völlig unangemessen. 

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 27. Januar 2022 um 17:08 Uhr.