Kommentar

Missbrauch in Deutschland Starke Kinderrechte statt Strafdebatte

Stand: 11.06.2020 17:47 Uhr

Höhere Strafen für Kindesmissbrauch helfen den Betroffenen nicht. Damit bestraft man zwar die Täter - aber die Politik müsste viel früher ansetzen: bei starken, durchsetzbaren Kindergrundrechten.

Ein Kommentar von Claudia Venohr, NDR

Odenwaldschule, Canisius-Kolleg, Campingplatz Lügde: Das Ausmaß bekannt gewordener Missbrauchsfälle ist groß, aber die Dunkelziffer ist weitaus größer.

Während die statistisch erfasste Kriminalität in vielen Bereichen abnahm, steigt sie hier signifikant. 2019 waren es knapp 16.000 sexuell missbrauchte Kinder. 1300 mehr als im Vorjahr. Auch die Verbreitung von Kinderpornografie nimmt eklatant zu.

Altbekannte Reflexe in der Union

Politikerinnen und Politiker müssen handeln. Das ist klar. Nur wie? Fatalerweise verfallen die meisten Unionspolitiker wieder in altbekannte Reflexe: Die Strafrechtskeule wird geschwungen. Als ob sie nicht längst wüssten, dass härtere Strafen erstens schon jetzt verhängt werden können und zweitens offensichtlich trotzdem keine abschreckende Wirkung zeigen.

Ein Beispiel: Die beiden Angeklagten im Lügde-Prozess wurden zu zwölf beziehungsweise 13 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Also kann schon heute die Strafe Wegsperren auf unbestimmte Zeit bedeuten. Für den Schutz der Kinder, der selbstverständlich früher ansetzen muss, ist damit rein gar nichts gewonnen.

Politisches Getöse ist fehl am Platz

Es ist scheinheilig, wenn jene Politiker, die jetzt härtere Strafen fordern, gleichzeitig gegen die Verankerung starker Kindergrundrechte sind. Politisches Getöse ist absolut fehl am Platz, wenn es ihnen wirklich um das Kindeswohl geht.

Längst ist erwiesen, dass die größte Gefahr für die Kinder in den eigenen vier Wänden lauert. In den meisten Fällen sind es Sorgeberechtigte oder Menschen aus ihrem Nahbereich, die nicht davor zurückschrecken, ihnen schlimmste körperliche und seelische Gewalt anzutun. Kinder sind dem hilf- und schutzlos ausgeliefert, so lange die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention ein zahnloser Tiger bleibt.

Starke, individuell einklag- und durchsetzbare Kinderrechte müssen endlich her! Unabhängig von der Entscheidungsgewalt der Sorgeberechtigten müssen gefährdete oder missbrauchte Kinder mit eigenem Rechtsbeistand jederzeit ihre Rechte wahrnehmen können.

Das Strafrecht kommt für die Kinder zu spät

Verantwortlichen Politikern muss doch klar sein, dass das scharfe Schwert des Strafrechts und ein Strafprozess nicht dem Schutz des Opfers dienen, sondern der Bestrafung des Täters. Am Ende, als allerletztes Mittel, und es kommt immer zu spät.

Aber eines ist auch klar: Nicht nur die Politik, sondern wir alle tragen Verantwortung für das Wohl der Kinder.

Kommentar: Härtere Strafen gegen Kindesmissbrauch?
Claudia Venohr, NDR
11.06.2020 18:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Juni 2020 um 17:00 Uhr.

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