Ein Arzt hält Schale mit einer Spritze mit dem Wirkstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer in den Händen. | dpa
Kommentar

Streit über Impfung von Kindern Der Druck auf die STIKO ist billig

Stand: 02.08.2021 17:39 Uhr

Die Politik setzt die Ständige Impfkommission unter Druck, die Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren zu empfehlen. Damit lenkt sie von eigenen Versäumnissen ab und untergräbt das Vertrauen in die Experten.

Ein Kommentar von Eva Ellermann, ARD-Hauptstadtstudio

Hoppla, die Schule fängt schon wieder an! Oh, die ansteckende Delta-Variante treibt die Corona-Infektionszahlen wieder hoch! Bund und Länder reagieren hektisch - erst bei den Reiserückkehrern, jetzt bei den Impfungen. Denn es wird schwer, den versprochenen Präsenzunterricht für alle zu sichern. Blöd, ausgerechnet vor der Bundestagswahl.

Eva Ellermann ARD-Hauptstadtstudio

Also sollen mehr Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren geimpft werden - egal, was die Ständige Impfkommission empfiehlt. Die Politik macht Druck, hinterlässt Verwirrung und verspielt Vertrauen. Das der Eltern zum Beispiel. Sie bekommen zwar mehr Möglichkeiten, ihre Kinder gegen Corona impfen zu lassen, aber ob das auch gut ist, bleibt umstritten.

Geimpfte Kinder tragen zur Herdenimmunität bei

Ja, es gibt inzwischen zwei zugelassene Impfstoffe, ja, in anderen Ländern wie den USA oder Frankreich werden auch 12- bis 17-Jährige ohne Einschränkung geimpft - und tragen dazu bei, dass die Herdenimmunität erreicht wird. Ja, auch Kinder und Jugendliche können trotz mildem Verlauf an Long Covid erkranken und vom Schutz einer Impfung profitieren. 

Und natürlich macht die Impfung auch den Familienalltag leichter. Beim Ausflug müsste der Nachwuchs nicht mehr zum Test, während die Eltern lässig ihren Impfcode vorzeigen. Und ja, die Impfzentren hier haben Kapazitäten und Impfstoff genug.

Es gibt gute Gründe, auch den 12- bis 17-Jährigen die Impfung leichter zugänglich zu machen. Aber nicht auf Kosten der Ständigen Impfkommission! In der Pandemie sind wir auf Vertrauen in die Experten angewiesen.

Monatelang haben sich die Gesundheitsminister von Bund und Ländern gerne auf die Ständige Impfkommission berufen als der Impfstoff noch knapp war. Jetzt, wo genug da ist, aber trotzdem das allgemeine Impftempo nachlässt, wird plötzlich an der Kompetenz der Experten gekratzt. Die Ständige Impfkommission sei in einer Außenseiterposition, meint zum Beispiel der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, Experte für Außenseiterpositionen.

Politik verschläft die nötigen Vorbereitungen an Schulen

Es kann nicht sein, dass das Bundesgesundheitsministerium und die Länder die Ständige Impfkommission unter Druck setzen, während sie selbst die nötigen Vorbereitungen an den Schulen verschlafen. Flächendeckende Lüftungskonzepte etwa sind nach einem ganzen Pandemie-Schuljahr immer noch nicht da.

Es ist billig, die Fachkompetenz der Experten zu untergraben - und gefährlich. Denn wir werden die Arbeit der Ständigen Impfkommission auch nach Corona noch brauchen. Wer sie infrage stellt, liefert Impfgegnern neue Munition. Hauptaufgabe der Politik bleibt, die Impfkampagne für die Erwachsenen durchzuziehen. Und nicht von eigenen Versäumnissen abzulenken auf Kosten anderer.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. August 2021 um 17:00 Uhr.