Boris Johnson (Archivbild: 03.03.2020) | AP
Kommentar

"Party-Gate" und andere Skandale Das Ende der Methode Johnson

Stand: 12.01.2022 17:40 Uhr

Sich ein bisschen taktisch entschuldigen und dann weiter durchwurschteln: Mit dieser Masche hat Boris Johnson auch auf die jüngsten Enthüllungen reagiert. Doch das funktioniert nicht mehr. Johnsons Rücktritt ist eine Frage der Zeit.

Ein Kommentar von Gabi Biesinger, ARD-Studio London

So hat man Premierminister Boris Johnson selten gesehen: Er hatte Kreide gefressen, als er in der wöchentlichen Fragestunde im Parlament um Entschuldigung bat. Johnson hasst es, Fehler einzugestehen, meist setzt er darauf, sich hemdsärmelig durchzuwurschteln. Insofern ist diese Entschuldigung bemerkenswert und sie zeigt, wie ernst die Lage für ihn ist und wie groß der Unmut in der eigenen Partei.

Gabi Biesinger ARD-Studio London

Andererseits: Es war ja nur eine halbherzige Entschuldigung. Johnson hat nur eingestanden, was öffentlich bekannt war. Und er hat keinesfalls zugegeben, mit dem Besuch der bierseligen Zusammenkunft in seinem abend-besonnten Garten am 20. Mai 2020 einen Verstoß gegen den damals harten Corona-Lockdown begangen zu haben. Er entschuldigte sich nur dafür, die Situation, die er für ein Arbeitstreffen hielt, falsch eingeschätzt zu haben. Er hätte die im Garten Versammelten ins Haus schicken müssen.  

Diese halbherzige Entschuldigung verschafft Johnson allenfalls Zeit, bis der Bericht der Regierungsbeamtin Sue Gray vorliegt, die mit der Untersuchung von "Party-Gate" betraut wurde. Zwölf umstrittene Feierlichkeiten rund um den Regierungssitz im Jahr 2020 sind mittlerweile bekannt.

Zu viele "Gates" 

Und "Party-Gate" ist ja nicht Johnsons einziges Problem. Seit Monaten ist die Regierung nur noch mit Schadensbegrenzung beschäftigt. Ob irgendwo noch Politik zum Wohle des Landes gemacht wird, dringt gar nicht mehr durch. "Wallpaper-Gate", Johnsons Versuch, sich die Renovierung seiner Wohnung bezahlen zu lassen, ist noch nicht ausgestanden.

Und dann noch "Sleaze-Gate": Sein ungeschickter Versuch, Parteifreund Owen Paterson vor einer Lobbyismus-Strafe zu bewahren, führte stattdessen zu Patersons Rücktritt, und bei der Nachwahl in Shropshire ging kurz darauf der Sitz an die Liberaldemokraten verloren.

Und an diesem Punkt ist für die konservative Partei Schluss: Johnson ist nur Premierminister von ihren Gnaden geworden, weil er mit seiner jovialen Art Mehrheiten holen konnte. Während seiner gesamten politischen Karriere ist es ihm gelungen, dass Menschen über seine Unzulänglichkeiten und Lügen hinweg sahen.

Doch dass im Umfeld des Premierministers über Monate gefeiert wurde, während die Bevölkerung ihre sterbenden Angehörigen nicht besuchen durfte, löst gerade eine so enorme emotionale Empörungswelle aus, dass Johnson sich daraus nicht mehr wird freischwimmen können.

In Umfragen fordern 56 Prozent der Befragten Johnsons Rücktritt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit.

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 12. Januar 2022 um 22:15 Uhr.