Kommentar

Stimmungsmache in Europa Wie Vereinfachungen das Klima vergiften

Stand: 01.06.2018 18:33 Uhr

Es ist gefährlich, wie mit Vereinfachungen Fronten aufgebaut werden - in Italien und in Deutschland, meint Nikolaus Nützel. Das weckt schlimme Erinnerungen an den Aufstieg des Faschismus vor 90 Jahren.

Ein Kommentar von Nikolaus Nützel, ARD-Studio Rom

Es ist die Stunde der Vereinfacher in Italien, die mit großem Pathos einfache Lösungen für komplizierte Probleme versprechen - die dabei einen Zickzack-Kurs verfolgen, der einen schwindelig werden lässt. Es ist aber auch die Stunde der Vereinfacher in so ziemlich allen anderen Ländern der Europäischen Union, auch in Deutschland. Es ist gefährlich, dass wir in der Stunde der Vereinfacher leben.

Die Vereinfacher in Italien erzählen die Geschichte von einem großen, stolzen Volk, das Opfer einer kleinen Kaste von raffgierigen Mitgliedern eines Establishments geworden sei, und auch Opfer von missgünstigen Kräften aus dem Ausland, vor allem aus Deutschland.

Diese Vereinfacher in Italien unterschlagen, dass die italienischen Wähler stets selbst all' die obskuren Persönlichkeiten an die Macht gebracht haben, die das Land von Krise zu Krise regierten. Die Vereinfacher in Italien unterschlagen, dass ihr Land an vielen Stellen deshalb nicht funktioniert, weil es von den eigenen Bürgern sabotiert wird. Seriöse Schätzungen sprechen von zwölf Millionen Steuerhinterziehern.

Vereinfacher in Deutschland

Die Vereinfacher in Deutschland hingegen erzählen die Geschichte von den Italienern als einem Volk, das "aggressives Schnorren" betreibe, wie es ein Kommentator des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" formuliert hat. Sie erzählen die Geschichte vom Volk, das sich doch bitte an die Gesetze der Finanzmärkte halten soll - so äußerte sich der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger.

Die Vereinfacher in Deutschland unterschlagen, dass es "die Finanzmärkte" ebenso wenig gibt wie "die Italiener". Was es gibt, ist ein Land, dessen Regierungen sich in den vergangenen Jahren sehr viel Geld geliehen haben, weil sie es nicht schafften, die Staatsausgaben alleine aus dem Wohlstand der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone zu finanzieren.

Was es aber ebenfalls gibt, sind wohlhabende Menschen, die hinter den sogenannten Finanzmärkten stehen. Es sind Menschen, die als Gläubiger seit langer Zeit gutes Geld mit Italiens Staatschulden verdienen. Die hohen Schulden Italiens und die Zinsen, die das Land zahlt, sind der Garant für üppige Einnahmen von Gläubigern auch in Deutschland, denen es herzlich egal ist, ob Italien genug Geld hat, um sein Gesundheitswesen, seine Schulen oder seine Straßen zu sanieren.

Erinnerungen an den Faschismus

Es gibt noch viele weitere Beispiele, warum die Geschichten, die die Vereinfacher in Italien wie auch in Deutschland erzählen, zwar einleuchtend klingen, aber dann doch eben viel zu simpel sind.

Ein Passant in Rom meinte neulich, sein Land sei auf dem Weg in einen neuen, modernen Faschismus. Weil es den Vereinfachern glaubt wie einst vor 90 Jahren. Es gibt Gründe zu fürchten, dass dieser Passant Recht hat. Auch Deutsche sollten fürchten, dass er Recht hat. Denn das, was sich damals in Italien Faschismus nannte, schwappte kurz darauf über ganz Europa. Es höchste Zeit, den Vereinfachern ins Wort zu fallen. In Italien, in Deutschland, in ganz Europa.

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. Juni 2018 um 19:00 Uhr.

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