Die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock gibt eine Pressekonferenz (Archivbild). | dpa
Kommentar

Kanzlerkandidatin Baerbock So geräuschlos muss es nicht bleiben

Stand: 20.04.2021 00:20 Uhr

Allein durch die Einigung der Grünen ohne öffentlichen Streit hat Baerbock Führungsqualität gezeigt. Nun muss sie aber im Wahlkampf beweisen, dass sie der Aufgabe trotz mangelnder Erfahrung gewachsen ist.

Ein Kommentar von Frank Jahn, ARD-Hauptstadtstudio

So geht eine Kür. Die Grünen haben Annalena Baerbock beinah geräuschlos zu ihrer Kanzlerkandidatin gemacht. Ich finde das erfrischend. Gerade angesichts des ermüdenden Streits der Herren Unionschefs um die Spitze. Baerbock hat sich mit Robert Habeck ohne öffentlichen Schlagabtausch geeinigt. Schon damit hat sie Führungsqualitäten bewiesen. 

Frank Jahn ARD-Hauptstadtstudio

Erfrischend ist auch, dass die Grünen mit einer Kanzlerkandidatin antreten. Als einzige Partei wohlgemerkt. Tatsächlich konnten die Grünen gar nicht anders. Der Aufschrei wäre gewaltig gewesen, wenn sich Habeck durchgesetzt hätte.

Aber nicht nur deshalb ist Baerbock die klügere Wahl für die Partei. Sie ist inhaltlich sattelfest und rhetorisch oft gewinnend. Habeck wirkt mitunter unsicher in Details und zögerlicher.

Fehlende Regierungserfahrung

Ein Manko der Kandidatin allerdings: Ihr fehlt Regierungserfahrung. Baerbock hatte nie in einem Rathaus oder Ministerium den Hut auf. Zwar wirken viele angeblich erfahrene Regierende derzeit in der Corona-Krise nicht sehr kompetent. Dennoch werden sich manche Wählerinnen und Wähler wohl fragen: Kann Annalena Baerbock wirklich schon Kanzlerin?

Für den Wettbewerb ist der Wille der Grünen zur Macht frischer Wind. Die Zeiten sind vorbei, wo Union und SPD die Kanzlerfrage unter sich ausmachten. Nun muss Baerbock ihre Führungsstärke im Wahlkampf beweisen.

Querschüsse drohen

Trotz aller Einigkeit bei der Kandidatenkür, drohen bei den Grünen immer Querschüsse, denn es gibt Gräben in wichtigen Fragen: Wie ist das Verhältnis zur Linkspartei? Wie stehen sie langfristig zur NATO? Dass die Partei öffentlich bisher nicht groß streitet, ist auch ein Verdienst von Baerbock. Aber so geräuschlos muss es nicht bleiben.

Dafür wird auch die politische Konkurrenz sorgen. Im Superwahljahr 2021 werden die anderen Parteien mit den Herren Kanzlerkandidaten der Frau von den Grünen gewiss nichts schenken.

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 19. April 2021 um 22:20 Uhr.