Boris Johnson | AFP
Kommentar

Wegfall der Restriktionen Johnson beschleunigt vor der gelben Ampel

Stand: 19.07.2021 09:07 Uhr

Statt Vorsicht walten zu lassen, schickt Premier Johnson das Land in einen großen Feldversuch. Das Krisenmanagement wälzt er einfach auf die Individuen und Unternehmen ab. Absurd ist, dass die Quarantänepflicht bleibt.

Ein Kommentar von Imke Köhler, ARD-Studio London

Wenn die Ampel auf Gelb springt, noch mal beschleunigen. Wenn's gut geht, hat man die, die bremsen, abgehängt und liegt in Führung. Und in Führung zu liegen im internationalen Vergleich, würde Premier Boris Johnson zweifellos gefallen. Mit den steigenden Infektionszahlen ist die Corona-Ampel eindeutig auf Gelb umgesprungen. Aber anstatt jetzt Vorsicht walten zu lassen, hebt Johnson alle gesetzlichen Restriktionen in England auf.

Imke Köhler ARD-Studio London

Ein großer Feldversuch

Während Wissenschaftler vor diesem Schritt warnen, gibt Johnson dem innerparteilichem Druck nach und schickt das Land in einen großen Feldversuch. Auch wenn die Impfung viele Menschen schützt, wird es wieder mehr Tote geben und mit der hohen Zahl der Neuinfektionen wird auch die Gefahr wachsen, dass sich potenziell gefährliche Mutationen entwickeln. 

Johnson selbst ermahnt die Bürger, vorsichtig zu sein und in bestimmten Situationen weiterhin eine Maske zu tragen. Wenn das aber nach wie vor entscheidend ist, ist es inakzeptabel, dass der Premier die Verpflichtung dazu aufhebt, zumal man sich vor Ansteckung nur bedingt selbst schützen kann. Hier ist jeder auch vom Verhalten der anderen abhängig.

Absurd: Quarantänepflicht bleibt

Tatsächlich macht sich der Premier einen schlanken Fuß, indem er das Krisenmanagement einfach auf die Individuen und Unternehmen abwälzt. Die müssen nun zusehen, wie sie sich selbst und ihre Mitarbeiter und Kunden schützen und eigene Vorgaben durchsetzen.

Was vor diesem Hintergrund geradezu absurd erscheint ist die Tatsache, dass die Quarantänepflicht bestehen bleibt. Auf der einen Seite erlaubt die Regierung, dass sich das Virus ungebremst verbreitet, auf der anderen Seite aber müssen sich alle, die mit einer infizierten Person Kontakt hatten, selbst isolieren. Millionen Engländer werden in nächster Zeit deshalb nicht an ihrem Arbeitsplatz erscheinen können.

Wirtschaft soll gestärkt werden

Dass vom Ende der Restriktionen die Wirtschaft profitieren soll, klingt unter diesen Bedingungen eher nach Wunschdenken. Wenn Johnson tatsächlich glaubt, wegen Corona keine Vorschriften mehr machen zu müssen, dann müsste auch der Quarantänezwang wegfallen. Wenn das Risiko in Summe aber doch zu groß ist, sollte Johnson vor einer gelben Ampel nicht noch beschleunigen.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Juli 2021 um 09:00 Uhr.