Boris Johnson hält bei einem Besuch eines Impfzentrums demonstrativ eine Dosis AstraZeneca in die Höhe | dpa
Kommentar

Boris Johnson Gerettet durch AstraZeneca

Stand: 27.05.2021 13:32 Uhr

Auch wenn Ex-Regierungsberater Cummings ihm massive Versäumnisse vorwirft: Der Schaden für den britischen Premier Johnson dürfte sich in Grenzen halten. Das liegt nicht zuletzt an seiner Impfstoffstrategie.

Ein Kommentar von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Dominic Cummings werde Downing Street No. 10 mit Napalm überziehen, schrieb eine britische Zeitung vor der Befragung des ehemaligen Regierungsberaters im Parlament. Und eine andere titelte, nun drohe Boris Johnson das Domageddon, in Anlehnung an das Harmagedon, die Entscheidungsschlacht, der endzeitlichen Kampf zwischen Gut und Böse. Ganz so wild wurde es nicht in der Ausschusssitzung des Parlaments. Das Gebäude steht noch. Und zurückgetreten ist auch noch niemand.  

Christoph Prössl ARD-Studio London

Cummings zeichnete aber ein verheerendes Bild einer unfähigen und chaotischen Regierung. Er war Teil dieser Regierung. Er ist ein Stratege, ein Mastermind, und er hat als geschasster Berater des Premierministers ein Motiv, Johnson zu diskreditieren. Bei der Einordnung aller Aussagen ist das wichtig.  

Cummings legte jedoch recht sachlich und plausibel dar, wie verwirrt offenbar die Regierung im Frühjahr 2020 operierte. Und im Abgleich mit anderen Quellen und Berichten drängt sich der Verdacht auf, dass viel dran sein könnte an dem, was Cummings vor dem Ausschuss ausgesagt hat.  

Wohin Populismus führen kann

Die Regierung Johnson - frisch im Amt - hat im Frühjahr 2020 auf die Herdenimmunität gesetzt. Und sonst nichts. So berichtete es Cummings. Keine Alternativen, kein Plan B. Die Einschätzungen von Wissenschaftlern zählten nicht, schon gar nicht die Überlegungen von erfahrenen Regierungsbeamten. Das Establishment störte nur.

Das alles ist mit Vorsicht zu genießen, ja, aber die Details aus dem Innenleben dieser Regierung und vor allem die auch öffentlich teils wirren Äußerungen zeichnen eben dieses Bild, wohin Populisten führen können. Diese Anekdote sei noch erlaubt: Johnson soll allen Ernstes erwogen haben, sich live im Fernsehen anstecken zu lassen, um zu unterstreichen: Corona ist keine Pandemie, sondern vor allem Angstmacherei - eine Schweinegrippe, mehr nicht.  

Johnsons Verantwortung

Die Regierung Johnson hat Tote zu verantworten. Bislang sind über 127.000 Menschen mit oder an Corona gestorben. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl ist das ein bedrückend hoher Wert. Und klar ist auch, dass dies mit viel zu spät eingeleiteten Beschränkungen im öffentlichen Leben zu tun hat.

Dem Regierungschef schadet das nicht. Das ist schwer erklärbar und hat maßgeblich damit zu tun, dass die Impfstrategie erfolgreich verläuft und der Brexit bislang gar nicht so schlimm war, wie befürchtet. Manchmal ist Politik so banal. Ohne die schnelle Entwicklung des Wirkstoffs von AstraZeneca und die - zugegeben - kluge Beschaffungspolitik wäre die Geschichte anders verlaufen. 

Vielleicht kommt noch was - falls es überhaupt noch interessiert

Belastend waren die Aussagen des Beraters Cummings vor allem für den Gesundheitsminister Matt Hancock. Er soll gelogen, bewusst getäuscht haben. Aber die Regierung bringt das längst nicht zum Einsturz. Vielleicht hat Harmagedon aber auch noch gar nicht stattgefunden. Im nächsten Jahr soll es einen umfassenden Untersuchungsausschuss zur Regierungspolitik in der Pandemie geben. Vielleicht kommt da noch was.

Aber wahrscheinlich ist: Eine zurückhaltendere Wortwahl wäre angebracht. Mutmaßlich interessiert die Aufarbeitung dann längst niemanden mehr.  

 

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