Kommentar

Gefangenenaustausch Ein großer Erfolg für Selenskyj

Stand: 07.09.2019 17:42 Uhr

Der Minsker Friedensprozess war eigentlich tot - aber mit Politik-Neuling Selenskyj kam wieder Bewegung in die Sache. Der Gefangenenaustausch war eine erste vertrauensbildene Maßnahme.

Ein Kommentar von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Wer den Minsker Friedensprozess über die Jahre verfolgt hat, der weiß, wie mühsam er ist. Wie oft wurde in der Vergangenheit über einen einzigen Punkt tage- und nächtelang verhandelt. Jeder Vorschlag wurde skeptisch beäugt, jedes Wort auf die Goldwaage gelegt.

Ging es dann einmal einen winzigen Schritt nach vorn, folgten kurze Zeit später drei Schritte zurück. Die Schuld daran trug natürlich die jeweils andere Seite. Ein zähes, desillusionierendes Geschäft, das die ewigen Bekenntnisse zum Minsker Friedensvertrag auf Dauer hohl wirken ließ.

Als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ankündigte, er werde Bewegung in diesen Prozess bringen, winkten deshalb viele gleich nur müde lächelnd ab. Dass ausgerechnet einem Politik-Neuling gelingen sollte, woran sich gestandene Diplomaten die Zähne ausgebissen hatten - unvorstellbar.

Selenskyj hat das Gespräch mit Moskau gesucht

Aber er hat es geschafft. Er hat das Gespräch mit dem russischen Präsidenten gesucht. Sie haben miteinander und nicht nur übereinander geredet - und sich geeinigt. Auf einen Gefangenenaustausch, der es in sich hat.

Denn hier wurden nicht irgendwelche Kriegsgefangene ausgetauscht. Sondern solche, die zu Symbolen in diesem Konflikt geworden sind und die deshalb politisch Gewicht haben. Der Regisseur Oleg Senzow und die Seeleute auf ukrainischer Seite. Und auf russischer Seite der Journalist Wyschinski und Wladimir Zemach, der mitverantwortlich sein soll für den Abschuss der Passagiermaschine MH-17.

Dass gerade Zemach nach Moskau zurückkehren konnte, ist ein Zugeständnis seitens der ukrainischen Führung, das auf nationaler wie internationaler Ebene Kritik nach sich zog.

Wendepunkt im Minsker Friedensprozess

Selenskyj war trotzdem bereit, einen solch hohen Preis zu zahlen. Er hat verstanden, dass nur ein großer Schritt auf Russland zu etwas verändern wird. Dass er nur dann seinem erklärten Ziel näher kommt, das Blutvergießen im Osten der Ukraine zu stoppen.

Der erfolgreiche Gefangenenaustausch war eine erste vertrauensbildende Maßnahme. Sollte sie Bestand haben und sollten beide Seiten auf juristische Winkelzüge im Nachgang verzichten, dann könnte dieser Tag zu einem Wendepunkt im Minsker Friedensprozess werden.

Denn ist etwas aufgekommen, das es in diesem Prozess schon lange nicht mehr gegeben hat: Hoffnung. Darauf, dass sich doch etwas zum Besseren hin wenden könnte. Dass vielleicht etwas endlich gelingt, was schon oft gefordert und erstmals vor fünf langen Jahren vereinbart wurde: ein dauerhafter Waffenstillstand.  

Kommentar: Großer Erfolg für Selenski
Christina Nagel, ARD Moskau
07.09.2019 17:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. September 2019 um 17:09 Uhr.

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