Kommentar

Aus als Minister Gabriel ist an sich selbst gescheitert

Stand: 08.03.2018 13:24 Uhr

Als Außenminister wurde Gabriel zum populärsten Politiker Deutschlands - und nutzte dies immer rücksichtsloser für Machtkämpfe in der SPD. Um sich im Kabinett zu halten, hätte er sich einordnen müssen.

Ein Kommentar von Arnd Henze, ARD Hauptstadtstudio

Das Ende der politischen Karriere von Sigmar Gabriel ist ein herber Verlust - für die SPD ebenso wie für die Bundespolitik insgesamt. Solche widersprüchlichen "Political Animals" gibt es in Berlin nur noch sehr wenige: leidenschaftlich und nachdenklich, streitfreudig, mit einem enormen strategischen Weitblick und zugleich dem Instinkt für den unmittelbaren Moment.

Solche Typen braucht die Politik, um sich an ihnen zu reiben, um Debatten voranzutreiben und um Denkblockaden zu lockern. Dass Gabriel es trotzdem geschafft hat, sich als Außenminister auf dem diplomatischen Parkett nahezu unfallfrei zu bewegen, hat viele überrascht und ihn zum populärsten deutschen Politiker werden lassen.

Wo Demut gefragt war, brach der Egomane durch

Doch genau dieser Erfolg zeigt auch die andere Seite des Gabriel: Statt seine Popularität in den Dienst seiner am Boden liegenden Partei zu stellen, hat er sie immer rücksichtsloser als Waffe im Kampf um die politische Zukunft instrumentalisiert. Während die SPD darüber stritt, ob und wie sie aus der Selbstverzwergung herauskommen will, inszenierte sich der Außenminister als Riese der Demoskopen. Und niemand konnte ihn bremsen, als er sogar ein wichtiges Außenministertreffen zur Ukraine platzen ließ, um sich im Springer-Verlag als Held der Befreiung von Deniz Yücel zu präsentieren.

Wo Demut gefragt war, brach immer wieder der Egomane und Raufbold in ihm durch. Das ist umso tragischer, weil Gabriel äußerst nachdenklich und sensibel sein konnte - tief verletzlich auch durch die eigene Familiengeschichte. Es ist eine starke Geste, dass Gabriel, dessen Vater bis zuletzt ein überzeugter Nazi war, als vermutlich letzte Amtshandlung dem Rektor des Berliner Rabbinerseminars heute den Verdienstorden überreichen wird.

"Reise nach Jerusalem" im Auswärtigen Amt

Niemand sollte sich wundern, dass Andrea Nahles und Olaf Scholz auf Gabriel verzichten. Dafür hätte er früher wahrnehmbare Signale setzen müssen, dass er sich auch einordnen kann. Die neue Führung der SPD setzt auf Teamplayer. Das verspricht Ruhe und Verlässlichkeit. Aber die Politik braucht auch weiter "Political Animals", die leidenschaftlich und streitbar sind, über die man sich ärgern und an denen man sich reiben muss - die einem aber niemals gleichgültig werden. Politik verträgt keine Gleichgültigkeit.

Und das Auswärtige Amt? Es wirkt seit Wochen wie ein beliebiger Stuhl im Kinderspiel "Reise nach Jerusalem" - umkreist von allen, die in der SPD auf ein Ministeramt hoffen. Bis irgendwann Nahles und Scholz die Musik anhalten und die oder der drauf landet, der zufällig vor dem Stuhl steht. Für die Partei, die einst mit Willy Brandt Maßstäbe im Außenamt gesetzt hat, ist das erbärmlich.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 08. März 2018 um 11:25 Uhr, 12:05 Uhr und 14:46 Uhr.

Darstellung: