Kommentar

TV-Duell in Frankreich Eine erhellend chaotische Debatte

Stand: 04.05.2017 05:21 Uhr

Man kann über das TV-Duell viel Kritisches sagen: Geschenkt haben sich die beiden Kontrahenten, Le Pen und Macron, nichts. Es ging oft chaotisch zu und hagelte wüste Beschimpfungen - wirklich präsidial war das nicht. Fällt die Entscheidung jetzt leichter?

Von Kerstin Gallmeyer, ARD-Studio Paris

Nein, die Franzosen haben es gerade nicht leicht. Sie sollen, sie dürfen am nächsten Sonntag die Person bestimmen, die die kommenden fünf Jahre ihr neuer Staatspräsident oder -präsidentin werden soll. Und zur Wahl stehen da zwei Kandidaten, die beide im Grunde nicht von einer Mehrheit der Franzosen gewollt sind. Der Favorit nach dem ersten Wahlgang: Ein erst 39-jähriger früherer Investmentbanker, der eine Blitzkarriere in der Politik hingelegt hat und den Franzosen vor drei Jahren noch völlig unbekannt war.

Als Herausforderin: Die Vorsitzende einer rechtsextremen Partei, die in den vergangenen Jahren aber immer mehr Franzosen für sich gewinnen konnte, selbst aber noch nie in Regierungsverantwortung war. Das war die Ausgangslage für eine explosive TV-Debatte.

Nicht wirklich präsidial

Keine Frage: Man kann über dieses TV-Duell viel Kritisches sagen, geschenkt haben sich die beiden Kontrahenten null Komma nichts. Es ging oft chaotisch zu und hagelte wüste Beschimpfungen, wirklich präsidial war das nicht. Dazu waren die beiden Moderatoren so wenig präsent, dass in den sozialen Netzwerken während der Sendung Entführungsalarm ausgelöst wurde.

Doch eines war die Debatte sicher - und das ist wichtig: Sie dürfte sehr erhellend gewesen sein. Vor allem für die vielen verwaisten Fillon- und Mélenchon-Wähler, die nicht wissen, ob sie sich am Sonntag überhaupt zur Stichwahl aufraffen sollen und wenn ja, bitte für wen: Macron, Le Pen oder doch nur für einen leeren Wahlumschlag.

Die TV-Debatte könnte ihre Entscheidung um einiges leichter gemacht haben. Denn hier standen bzw. saßen sich nicht nur zwei Kandidaten gegenüber, die für völlig verschiedene Visionen für ihr Land eintreten: Weltoffen, europafreundlich, und ja, auch unternehmerfreundlich auf der einen Seite - auf Rückzug nach innen ausgerichtet, Europa-feindlich, und protektionistisch auf der anderen Seite.

Le Pen zerlegt sich selbst

Nein, hier trafen ein Kandidat und eine Kandidatin aufeinander, von denen es der einen, Le Pen, bei vielen Themen an ausgearbeiteten Vorschlägen und nötigen Erklärungen schlicht fehlte. Ob beim Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, beim Euro-Austritt oder bei der Radikalisierung junger Franzosen. In den allermeisten Fällen konnte ihr Gegner Macron punkten. Und das lag nicht nur daran, dass Macron rhetorisch und argumentativ der deutlich Überlegenere war. Sondern auch daran, dass Le Pen es geschafft hat, sich mit ihrer Taktik "Dauerattacken und Alternative Fakten statt konstruktiver Vorschläge", selbst zu zerlegen. Nein, die Franzosen haben es bei dieser Präsidentschaftswahl sicher nicht leicht. Aber nach dem gestrigen Abend ist es wohl um einiges leichter als vorher.

Kommentar: Bis zur Selbstzerlegung
K. Gallmeyer, ARD Paris
04.05.2017 07:00 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. Mai 2017 um 06:51 Uhr.

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