Ein Nagelkreuz steht in Berlin hinter einer Bibel auf einer Bühne vor der Gedächtniskirche.  | dpa
Kommentar

EKD und Missbrauch Zurück auf Null

Stand: 11.05.2021 19:51 Uhr

Die evangelische Kirche ist mit dem Versuch gescheitert, Missbrauchsopfer auf Augenhöhe zu beteiligen - und gibt den Betroffenen die Schuld. Das schadet nicht nur der Glaubwürdigkeit der Institution.

Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung, BR

Die evangelische Kirche muss bei der Aufarbeitung des Missbrauchs in den eigenen Reihen praktisch wieder von vorne anfangen. Der Vertrauensverlust ist enorm, nachdem die EKD mitgeteilt hat, nach nur sieben Monaten die Arbeit des Betroffenenbeirats bis auf weiteres auszusetzen.

Tilmann Kleinjung

Die Gründe für das Scheitern sind komplex. Einseitige Schuldzuweisungen werden der Sache kaum gerecht. Den Schaden allerdings hat allein die evangelische Kirche zu verantworten. Sie wollte im November 2018 mit einem ehrgeizigen Elf-Punkte-Plan den Skandal des Missbrauchs in ihren Gemeinden und Einrichtungen konsequent aufarbeiten. Dazu zählte auch die Beteiligung Betroffener bei diesem Prozess. Ein Betroffenenbeirat wurde gegründet. Klingt gut und sieht auch gut aus.

Doch welche Rolle, welche Rechte die Mitglieder dieses Gremiums haben, wie sie unterstützt werden, fachlich und finanziell, das war von Anfang an nicht klar. Fünf von ihnen haben sich wieder zurückgezogen. Ein Alarmsignal, das die Verantwortlichen in der EKD offenbar ignoriert oder falsch interpretiert haben.

Mitglieder widersprechen EKD-Darstellung

Im Vorfeld der Entscheidung, den Beirat auszusetzen, wurde vor allem auf "interne Konflikte" hingewiesen, und damit wurde der schwarze Peter für das Scheitern den Betroffenen zugeschoben. Und in der Pressemitteilung der EKD heißt es: Der Antrag auf Auflösung sei "aus dem Gremium heraus" gestellt worden. Eine Darstellung, der die verbliebenen Mitglieder im Beirat widersprechen. Ihre Botschaft: Wir würden gern weiterarbeiten, die EKD lässt uns nicht.

Wie Hohn muss ihnen da die Ankündigung der Kirche vorkommen, nun erst einmal die Arbeit des Betroffenenbeirats extern auswerten zu lassen. So als lägen die Gründe für das Scheitern bei den anderen.

Kein Gremienjob wie jeder andere

Damit ist der Versuch der Kirche, die Opfer von Missbrauch und sexueller Gewalt auf Augenhöhe zu beteiligen, erst einmal gescheitert. Welcher Betroffene, welche Betroffene wird nach dieser Vorgeschichte noch einmal die Kraft, die Lust und den Optimismus aufbringen, sich einzubringen?

Das ist kein Gremienjob wie jeder andere. Wer Missbrauch, Gewalt und Vergewaltigung erlebt hat, setzt sich immer wieder der Gefahr der Retraumatisierung aus. Betroffene haben jedes Recht verletzlich zu sein, subjektiv, einseitig. Damit müssen die Vertreter der EKD - also der Täterorganisation - umgehen können.

Aufarbeitung der Missbrauchsgeschichte

Hat die evangelische Kirche das Thema Missbrauch unterschätzt? Lange hatten es sich Landesbischöfe und Synoden im Windschatten des katholischen Missbrauchsskandals bequem gemacht. Auch in dem Glauben, "so schlimm wie in der katholischen Kirche ist es bei uns sicher nicht". Selbstverständlich gab es auch in evangelischen Gemeinden und Einrichtungen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen.

Doch erst vor zweieinhalb Jahren hat sich die Evangelische Kirche in Deutschland dazu durchgerungen, ihre eigene Missbrauchsgeschichte umfassend aufzuarbeiten. Mit unabhängigen Anlaufstellen und Studien. Warum so spät? Es wird noch Jahre dauern, bis Ergebnisse vorliegen. Viele Betroffene haben keine Zeit mehr. Und jede weitere Verzögerung bei der Aufarbeitung schadet der Glaubwürdigkeit der Institution. Zumindest diese Lektion hätte die evangelische Kirche von den katholischen Geschwistern lernen können.

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell im Hörfunk am 11. Mai 2021 um 16:50 Uhr.