Kommentar

Der türkische Präsident Erdogan | Bildquelle: REUTERS

Erdogan und Syrien Alle Bälle in der Luft

Stand: 29.12.2018 20:03 Uhr

Viele hatten seine Rolle im Syrien-Krieg unterschätzt. Jetzt ist der türkische Präsident Erdogan einer der wichtigsten Playern in dem Konflikt geworden - und bedient dabei auch eigene Interessen.

Ein Kommentar von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Beim Syrien-Konflikt hatte lange keiner die Türkei auf der Rechnung. Russland, der Iran und die USA waren die Big Player. Die Türkei war nur das Land, das Flüchtlinge aufnimmt. So sah es von außen aus. Aber mit der Rolle wollte sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nicht zufriedengeben.

Militärisch griff er das erste Mal in den Konflikt mit Bodentruppen im Sommer 2016 ein - mit der Offensive "Schutzschild Euphrat". Die richtete sich offiziell gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS), aber auch gegen die Kurdenmiliz YPG. Sie ist für die Türkei ein Ableger der verbotenen PKK. Es gehe darum, die Grenzen zu sichern, hieß es damals.

Es folgten weitere Offensiven immer mit dem selben Argument, immer in Nordsyrien. Inzwischen kontrolliert die Türkei ein größeres Gebiet in der Region. Ein Bundestagsgutachten, das die Linkspartei in Auftrag gegeben hatte, sieht die Türkei als Besatzungsmacht.

Auch auf dem diplomatischen Parkett aktiv

Erdogan positionierte sich aber auch auf diplomatischer Ebene im Syrien-Krieg. Beim Astana-Prozess zum Beispiel sitzt die Türkei mit Russland und dem Iran an einem Tisch. Außerdem hatte er zu einem Vierer-Gipfel nach Istanbul eingeladen. Da kamen, wenn auch erst im zweiten Anlauf, nicht nur sein russischer Amtskollege Wladimir Putin, sondern auch Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron.

Die Türkei und Russland arbeiten in letzter Zeit sehr eng zusammen, auch wenn es um Syrien geht, obwohl sie da nicht die gleichen Interessen verfolgen. Bei der Offensive auf Afrin Anfang des Jahres beispielsweise hat Putin Erdogan gewähren lassen, was viele Beobachter überrascht hat. Bei Idlib einigten sich die beiden auf eine Pufferzone. So konnte ein Angriff des syrischen Regimes verhindert werden, denn in dieser Region sitzen nicht nur viele Flüchtlinge aus anderen Regionen des Landes - es ist auch eine Rebellenhochburg. Erdogan agiert geschickt und gewinnt an Einfluss.

Weiterer Konflikt mit den USA droht

Die USA blieben bei all dem außen vor. Mit US-Präsident Donald Trump lag Erdogan schon wegen anderer Geschichten über Kreuz. Bei Nordsyrien wären sie fast Gegner geworden, denn eines von Erdogans Zielen war die Stadt Manbidsch. Da saß allerdings nicht nur die Kurdenmiliz YPG, sondern auch amerikanische Truppen.

Viele befürchteten eine Konfrontation zwischen NATO-Partnern. Erdogan drohte immer wieder mit einer Offensive, ließ aber die Finger davon. Kurz vor Weihnachten erklärte Trump den Rückzug aus Syrien - also auch aus Manbidsch. Feuer frei für Erdogan hatten vor allem viele Kurden befürchtet. Doch er hält die Füße still, hat eine neue Offensive erstmal verschoben. Jetzt stimmt er plötzlich also auch mit Trump seine Aktionen in Nordsyrien ab.

Syrien als Wahlkampfthema

Aber Ende März sind Kommunalwahlen in der Türkei. Und da macht Erdogan die wirtschaftlich schlechte Lage schwer zu schaffen. Mit einem militärischen Erfolg in Nordsyrien könnte er davon ablenken. Dafür müsste er aber bald losschlagen. Erdogans Diplomatie läuft auch Hochtouren. Er lud Trump nach Ankara ein und will sich mit Putin treffen. Beide Präsidenten reagierten aber zurückhaltend.

Erdogan hält viele Bälle in der Luft - in einem explosiven Spiel. Bis jetzt ist seine Strategie aufgegangen. Die Türkei ist schon lange nicht mehr nur Auffanglager für Flüchtlinge. Sie mischt mit, wenn es darum geht, das Machtvakuum nach dem Abzug der Amerikaner zu füllen.

Kommentar: Alle Bälle in der Luft? Erdogans Nordsyrien-Strategie
Karin Senz, ARD Istanbul
29.12.2018 19:26 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Dezember 2018 um 19:05 Uhr in der Sendung "Kommentare und Themen der Woche".

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