Kommentar

Libyen-Einsatz der Türkei Goldrausch im Mittelmeer

Stand: 02.01.2020 19:54 Uhr

Mit einem Militäreinsatz in Libyen will Präsident Erdogan den türkischen Einfluss in der Region stärken. Und er will Zugriff auf Bodenschätze im Mittelmeer. Doch da ist er nicht der einzige.

Ein Kommentar von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Die Situation im östlichen Mittelmeer erinnert ein bisschen an den Wilden Westen, wo Abenteurer im Goldrausch ihre Claims abstecken. Der Goldrausch scheint auch Griechenland, Zypern und die Türkei erwischt zu haben, nachdem mehrere Gasfelder entdeckt wurden. Die Regierungschefs Kyriakos Mitsotakis, Nicos Anastasiadis und Recep Tayyip Erdogan verhalten sich auch noch wie Abenteurer. Alle pokern hoch.

Seit Monaten gibt es Streit um die Gasvorkommen vor Zypern. Die Türkei hat Bohr- und Forschungsschiffe in die Region geschickt in Begleitung ihrer Marine. Griechenland und Zypern kritisieren das scharf - mit Rückendeckung aus der EU. Dabei sehen unabhängige Beobachter auch deren Ansprüche kritisch. Die Grenzen sind offensichtlich nicht eindeutig gezogen.

Türkei fühlt sich ausgeschlossen

Jede Seite sucht nach Verbündeten. Griechenland und Zypern sind bei Israel fündig geworden. Man will zusammen eine Gaspipeline bauen. Außerdem haben sich die drei mit weiteren Mittelmeer-Anrainern, wie Ägypten, Italien und Jordanien zu einem Gasforum zusammengeschlossen.

Die Türkei ist außen vor. Und nicht nur das, sie fühlt sich ausgeschlossen und reagiert im November. Sie schließt mit der international anerkannten libyschen Regierung in Tripolis ein Abkommen, wo es ebenfalls darum geht, sich in Sachen Bodenschätze Rechte zu sichern.

Jetzt hat das Parlament in Ankara den Einsatz der türkischen Armee in Libyen bewilligt. Auch da spielen die Gasvorkommen kräftig mit rein. Noch ist völlig unklar, welchen Umfang der Einsatz haben soll: Ist die Luftwaffe dabei? Sie könnte das Land erreichen, ohne fremden Luftraum queren zu müssen. Wird eine Fregatte eingesetzt, Landungsboote oder sogar Soldaten, die über Tunesien ins Land kommen? Erdogan war erst vor Kurzem bei seinem tunesischen Amtskollegen Kais Saied. Noch spannender ist die Frage, wann mobilisiert wird.

Position gegenüber Russland gestärkt

Erdogan hat seine Verhandlungsposition durch das Mandat eindeutig verbessert - nicht nur gegenüber Russland. Das Land steht im Libyen-Konflikt auf der gegnerischen Seite. Präsident Wladimir Putin kommt nächste Woche in die Türkei. Die beiden haben viel zu besprechen.

Aber auch gegenüber dem abtrünnigen libyschen General Khalifa Haftar hat Erdogan jetzt was in der Hand. In türkischen Medien wird darüber spekuliert, ob Erdogan die Armee vielleicht gar nicht einsetzt, wenn Haftar ihm versichert, bei einem Sieg am Seerechtsabkommen festzuhalten. Und auch bei einer geplanten Friedenskonferenz der Vereinten Nationen für Libyen im Januar in Deutschland käme man spätestens jetzt an der Türkei kaum noch vorbei.

Der Traum vom Osmanischen Reich?

Ob Erdogan wirklich einen Traum von einem neuen Osmanischen Reich verwirklichen will - Libyen hatte da ja mal dazugehört - ist offen. Aber er will auf jeden Fall mehr Einfluss in der Region und den Zugriff auf Ressourcen im Mittelmeer. Die türkische Bevölkerung hat er zu einem Teil hinter sich. Denn bei der wird in den regierungsnahen Medien immer wieder die Angst geschürt, dass die Türkei bei der Aufteilung der Bodenschätze leer ausgehen könnte, wenn man sich nicht wehrt. Andere Länder würden versuchen, sie in der Bucht von Antalya einzusperren, ist ein Satz, den man in diesen Tagen immer wieder hört.

Alle werfen sich gegenseitig vor, Fakten schaffen zu wollen und liegen damit sicher richtig. Bodenschätze können Fluch und Segen sein. Ein Segen, wenn man sie zusammen ausschöpft - ein Fluch, wenn man sich dafür gegenseitig bekriegt.

Kommentar: Alle wollen ein Stück vom Kuchen in Mittelmeer, nicht nur Erdogan
Karin Senz, ARD Istanbul
02.01.2020 19:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Januar 2020 um 20:00 Uhr.

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Karin Senz, SWR

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