Tilman Kuban (li.) und Johannes Winkel stehen beim Auftakt des "Deutschlandtages" der Jungen Union auf der Bühne. | dpa
Kommentar

Union nach der Bundestagswahl Kein Kompass, kein Charakterkopf

Stand: 17.10.2021 20:16 Uhr

Der "Deutschlandtag" der Jungen Union ist zur Aussprache über das Wahldebakel geworden. Wie es nun weitergehen soll, blieb allerdings offen, meint Kristin Schwietzer. Es fehlt an Geschlossenheit und Brückenbauern.

Ein Kommentar von Kristin Schwietzer, ARD-Hauptstadtstudio

"Der falsche Kandidat, die falsche Strategie, keine Inhalte, keine Ziele, ständig Streit mit Söder" - so könnte man die Aussprache zum Wahldebakel zusammenfassen.

Kristin Marie Schwietzer ARD-Hauptstadtstudio

Es war kein schöner Empfang für die Gäste aus dem Adenauerhaus. Wer auch immer von der CDU-Parteispitze bei der Parteijugend in Münster auftauchte, musste Prügel einstecken. Der Empfang der Jungen Union war alles andere als nett. So schonungslos war eine Wahlaussprache in der Union wohl selten.

Der "Deutschlandtag" in Münster zeigt, was der CDU fehlt. Es sind ein klarer Kompass und ein Charakterkopf, der den Laden zusammenhält. Die größte Bedrohung der Union nach der Wahlschlappe ist sie selbst. Das was CDU und CSU jahrzehntelang in letzter Minute beherrscht haben, ist ihnen gerade abhanden gekommen: Geschlossenheit.

Keine frischen Köpfe aufgebaut

Wohl auch deshalb reden in Münster alle vom Teamgeist. Dahinter steckt die große Angst, den Status als Volkspartei zu verlieren. Die Union steht sich dabei selbst im Weg. Jetzt rächt sich, was sie jahrelang versäumt hat. Hinter Angela Merkel junge, frische Köpfe aufzubauen, die in der Lage sind, parteipolitische Grenzen zu überwinden, Brücken zu bauen zwischen dem Arbeitnehmerflügel, den Wirtschaftsleuten, den Sicherheitspolitikern, der Frauenunion, der Klimaunion, den Christsozialen. All das ist CDU. Mancher Markenkern war in den vergangenen Jahren aber nur noch selten zu sehen.

Ist das noch Volkspartei?

Da spricht auf dem Parteitag in Münster Karl-Josef-Laumann als Vertreter der christlich-demokratischen Arbeitnehmerschaft der CDU. Seit vielen Jahren ist er ein treuer Streiter für seine Sache. Und doch fragt man sich, müsste da nicht längst die Generation 40+ stehen und an seiner Stelle eine flammende Rede halten? Laumann hat Recht, wenn er sagt, in den Vorständen der Partei säßen nur noch Juristen. "Wo bleibt die Lebenswirklichkeit der Leute, die einen ganz normalen Job haben?" fragt er.

Das zumindest ist nicht Volkspartei. Die CDU erreicht die Breite der Gesellschaft nicht mehr, weil sie sich seit zwei Jahren im Kreis um die Fragen dreht, wer Parteivorsitzender und wer Kanzler kann? Dabei hat sie vergessen, den von Annegret Kramp-Karrenbauer angestoßenen Programmprozess endlich zu Ende zu bringen. Aus der Zuhör-Tour ist keine Antwort-Tour geworden. Es gibt kein Grundsatzprogramm, das das Profil schärft und klarmacht, wofür die CDU heute, morgen und übermorgen steht.

Die Zeit läuft

Stattdessen dreht sich das Personalkarussell weiter. Jens Spahn hätte Lust, am Erneuerungsprozess mitzuarbeiten. Ralph Brinkhaus schwört die Union auf vier Jahre Opposition ein, durch die er sie bringen will und erhebt so fast beiläufig für sich den Führungsanspruch. Norbert Röttgen und Friedrich Merz sind auch noch im Gespräch. Und auch Carsten Linnemann, der für viele in der Jungen Union der heimliche Wunschkandidat ist.

Die CDU muss sich entscheiden, wie ihre Erneuerung aussehen soll und welches Gesicht dafür steht. Setzt sie auf Erfahrung oder wählt sie einen jungen Parteichef, der in das Amt hineinwächst? Ein Team, das sich viele wünschen, gibt es noch nicht. Das erfordert vor allem die Bereitschaft, Kompromisse zu schließen und manchmal auch zurückzustecken. Ein Team zu formen, braucht Zeit. Doch die hat die Union nicht. Im nächsten Jahr muss die CDU drei Ministerpräsidenten verteidigen. Vier Landtagswahlen stehen vor der Tür. Streit und Personaldebatten dürften da nur schaden.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Oktober 2021 um 20:00 Uhr.