Ein Cosco-Containerschiff im Hamburger Hafen | dpa
Kommentar

Cosco und der Hamburger Hafen Kritische Infrastruktur als "Höflichkeitsgeschenk"

Stand: 30.10.2022 11:01 Uhr

Was China vorhat, ist seit Jahren klar: Einfluss nehmen. Deshalb hätte die Bundesregierung den Cosco-Deal im Hamburger Hafen klar ablehnen müssen. Denn nun reist Kanzler Scholz mit einem heiklen "Höflichkeitsgeschenk" nach Peking.

Ein Kommentar von Eva Lamby-Schmitt, ARD-Studio Shanghai

Was wurde Xi Jinping international belächelt, als er ziemlich zu Beginn seiner ersten Amtszeit sein weltweites Infrastrukturprojekt vorgestellt hat: die Neue Seidenstraße. Das Ziel: die alten Handelsrouten zu Hochzeiten des chinesischen Kaiserreichs quer durch Asien nach Europa wiederherstellen. Und noch viel mehr. So manch einer scheint heute noch nicht verstanden zu haben, wie ernst er es damit meint, China zu alter Größe zurückzuführen.

Eva Lamby-Schmitt ARD-Studio Shanghai

Wem jetzt bei der Debatte um den Hamburger Hafen erst aufgefallen ist, dass China bereits Anteil an vielen Häfen weltweit hat: herzlichen Glückwunsch. Man muss dafür gar nicht weit gucken. Das chinesische Staatsunternehmen Cosco, das auch in Hamburg einsteigen will, ist bereits in den größten Häfen Europas präsent: Rotterdam und Antwerpen. In Griechenland am Hafen in Piräus hat Cosco sogar mehrheitlich 67 Prozent der Anteile. Der Hafen ist in chinesischer Hand.

Keine Hysterie, aber gesunde Skepsis

Es mag sein, dass es in der Branche gar nicht so unüblich ist, Anteile von Hafenterminals zu kaufen. Ganz normales Business mit all den Vorteilen, die es mit sich bringt - sowohl für den Hafen als auch für die Reederei. Aber es gibt dann doch Dinge, die keine Hysterie aber gesunde Skepsis verlangen, um zu unterscheiden zwischen normalem Geschäft oder mehr.

In China gehen Wirtschaft und Politik eng zusammen. Ein staatliches Unternehmen ist staatlich kontrolliert. Parteimitglieder sitzen mit im Management. Bei Cosco ist der Vorstandsvorsitzende Wan Min gar innerhalb des Unternehmens Parteivorsitzender. Diese Rolle ist im Unternehmen - für uns kaum vorstellbar - sogar wichtiger als Vorstandsvorsitzender zu sein. Chinesische Staatsunternehmen handeln also im Interesse der Kommunistischen Partei Chinas. Sie sind Instrumente, um die strategischen Ziele der Staats- und Parteiführung durchzusetzen.

Es geht um wirtschaftliche und geopolitische Interessen

Dabei geht es um wirtschaftliche und geopolitische Interessen. Es geht um Profit - zum Vorteil Chinas. Sogar theoretisch um die militärische Nutzung ziviler Infrastruktur, um zum Beispiel das Militär mit Nachschub zu versorgen. Das ist im chinesischen Nationalen Verteidigungsverkehrsgesetz verankert.

Die einzelnen Infrastrukturprojekte, in die China weltweit in anderen Ländern investiert - zum Beispiel Eisenbahnstrecken, Häfen und Staudämme - sind wie einzelne Puzzleteile, die China seit einigen Jahren nach und nach zu einem Bild zusammensetzt. Man könnte auch sagen: wie bei Vier gewinnt. Einmal nicht richtig hingeschaut, siehe da: ein Handelsnetz, das der chinesischen Staats- und Parteiführung weltweit mehr Einfluss und Handlungsspielraum verschafft. Und das Irre daran ist: Was China vorhat, ist seit Jahren klar.

"Nein" - und zwar ohne Stelle hinter dem Komma

Wie Deutschland damit umgehen will: Im Fall des Hamburger Hafens ist das von deutscher Seite aus entschieden. Cosco kann ein kleineres Puzzleteil haben, als es sich das Unternehmen erhofft hat. Statt 35 nur 24,9 Prozent. Nochmal klug gerettet mit einer Stelle hinterm Komma, mit der Cosco keinen Einfluss auf Entscheidungen am Hamburger Hafen haben soll. "Renzhen" würden die Chinesen sagen: sehr gewissenhaft. So werden die Deutschen in China oft gesehen und das gilt meist als Kompliment. In diesem Fall wäre es aber auch mal gut gewesen, einfach "Nein" zu sagen - und zwar ohne Stelle hinter dem Komma. Denn Bundeskanzler Olaf Scholz muss bei seinem Staatsbesuch nächste Woche ja nicht gleich mit kritischer Infrastruktur als "Höflichkeitsgeschenk" ankommen.

Für die chinesische Staats- und Parteiführung ist die ganze Debatte in Deutschland nervtötend. Das Außenministerium hat vor Spekulationen gewarnt. Dass auch Cosco nicht begeistert war, ist nicht überraschend: Kein Unternehmen mag schlechte PR. Und China erst recht nicht.

Warum der Deal auch platzen kann, wenn China will: Weil China sich im Zweifel auch in der Macht sieht, zu sagen: So wichtig seid ihr auch nicht. Denn China setzt nicht nur auf eine Strategie. Globaler Handel: Ja - aber auch Autarkie. Heißt: Wenn ihr mit uns zusammenarbeiten wollt, gern. Wenn nicht, dann nicht. 

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Oktober 2022 um 13:23 Uhr.