Kommentar

Coronakrise USA geben Führungsanspruch auf

Stand: 28.03.2020 04:08 Uhr

Statt im Kampf gegen das Coronavirus globale Koalitionen zu schmieden, laufen die USA in ihren medizinischen Fähigkeiten und der Organisation der Hilfe dramatisch hinterher.

Ein Kommentar von Arthur Landwehr, ARD-Studio Washington

Wie war das eigentlich früher, wenn irgendwo auf der Welt eine humanitäre Katastrophe passierte? Meist konnte man sich darauf verlassen, dass die USA das irgendwie in die Hand nahmen. Und wenn es wirklich drauf ankam, dann schickten sie ihr Militär mit seinen logistischen Fähigkeiten, um die Sache zu regeln. Andere Staaten, auch die Europäer, waren meist froh, dass sie selbst nicht gefordert waren, Führung zu übernehmen. Und machen wir uns nichts vor, auch aus der Sorge heraus, an solchen Führungsaufgaben zerstritten zu scheitern.

Dieses Muster ist beim Kampf gegen die Corona-Pandemie nicht erkennbar. Im Gegenteil, die von Donald Trump geführte US-Regierung zeigt kein sichtbares Interesse daran, eine Koalition zu schmieden, Fähigkeiten zu bündeln, Aufgaben zu teilen und Wissen auszutauschen.

Gleichzeitig ist etwas passiert, was bisher undenkbar schien: Die USA laufen in ihren medizinischen Fähigkeiten und der Organisation der Hilfe dramatisch hinterher.

 Jeder für sich

Zwei Konsequenzen haben diese Situation und dieses Verhalten: Die betroffenen Länder, und das sind praktisch alle auf dieser Welt, kämpfen für sich oder in kleineren Gemeinschaften. Auch die Europäer nutzen die Situation nicht durch demonstrative Einigkeit. Stattdessen stoßen andere in das von den USA hinterlassene Vakuum vor, allen voran China, das sich als Retter in der Not in vielen europäischen Staaten, vor allem aber in Afrika unverzichtbar macht.

Höchst öffentlichkeitswirksam, als Teil einer Propaganda, die China als verlässlichen Partner in der Not präsentiert und noch dazu von den eigenen Fehlern beim Umgang mit dem Virus ablenkt. Niemand wird in Italien die russischen Flugzeuge mit medizinischem Material und Ärzten vergessen, die während der größten Not landeten. Auch wenn die USA jetzt ebenfalls 275 Millionen Dollar als Corona Hilfe in ärmeren Ländern investieren wollen, dieser Punkt ging an China und Russland.

"Amerika First" statt globaler Kampf gegen Corona

Es lohnt sich, nach den Ursachen zu suchen, die zu dieser Situation geführt haben. Für das überraschende technische und organisatorische Chaos gibt es viele Gründe, die auch damit zu tun haben, dass die Trump-Regierung Behörden gestutzt hat, die nicht unmittelbar den eigenen politischen Zielen dienen, darunter die Abteilung Pandemievorsorge.

Die andere entscheidende Ursache aber ist gewollt. Trumps Politik des "America First" greift auch hier und zeigt ihre Wirkung. Wenn er als Chef des Krisenmanagements täglich vor die Presse tritt, dann lauten seine Sätze eben nicht "wir werden eine Lösung für diese Pandemie finden", sondern "wir tun alles, um die amerikanische Bevölkerung zu schützen".

Und er nennt das Virus konsequent einen unsichtbaren Feind, der von außen die USA angegriffen hat. Dazu passt, ein deutsches Pharmaunternehmen kaufen zu wollen, damit es Impfstoffe für die USA herstellt.

Die USA sind kein verlässlicher Partner mehr

Die Erkenntnis aus diesen dramatischen Tagen wird sein, dass die USA auch in schweren Krisen kein verlässlicher Partner mehr sind. Dass sie ihren Anspruch, die westliche Welt führen zu wollen, nicht mehr aufrecht erhalten. Nicht weil sie es nicht könnten, sondern weil sie es nicht mehr wollen. Das ist nicht neu, sondern war bisher ein schleichender Prozess, der von Donald Trump nur beschleunigt worden ist.

Die Corona-Krise aber wird zum "Tipping Point", zum Tropfen, der das Fass überlaufen lässt. Wenn die Pandemie einmal vorbei ist, könnte sich mit ihr das geopolitische Gefüge dramatisch verändert haben. Was China in weiten Teilen Afrikas bereits gelungen ist, sich als entscheidender Partner beim Aufbau von Infrastruktur etabliert zu haben, wird in weiteren Teilen der Welt, auch in Europa, gelingen. Und diejenigen, denen Russland geholfen hat, werden kaum noch für Sanktionen zu begeistern sein. Das Virus hat auch offenbart, wie leicht scheinbare Bündnisse zu spalten sind.

Wochenkommentar - USA geben mit Corona ihren Führungsanspruch auf
Arthur Landwehr, ARD Washington
28.03.2020 09:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. März 2020 um 08:24 Uhr.

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