Pressekonferenz der Mitglieder des Sachverständigenausschusses | picture alliance/dpa
Kommentar

Corona-Sachverständigenrat Es ist zum Schreien

Stand: 01.07.2022 19:22 Uhr

Wenn die Daten fehlen, kann man auch keine vernünftigen Aussagen zur Coronapolitik der Bundesregierung treffen. Deshalb muss die Regierung die Wissenschaft endlich ernst nehmen.

Ein Kommentar von Kirsten Girschick, ARD-Hauptstadtstudio

Jeder hat ein Recht auf eine eigene Meinung - aber nicht auf eigene Fakten. Doch wenn die Fakten fehlen, bleibt am Ende nur Meinung gegen Meinung stehen.

Kirsten Girschick ARD-Hauptstadtstudio

Welche Maßnahmen haben funktioniert in der Corona-Pandemie - und welche nicht? Das sollte eigentlich der Sachverständigen-Bericht klären. Doch leider hat er genau das nicht getan - und dafür können die beteiligten Wissenschaftler exakt: gar nichts. Denn Wissenschaft liefert dann Ergebnisse, wenn sie Daten auswerten kann.

Vorbild Großbritannien

Nun kommt das Wort "Daten" in dem Bericht genau 234 Mal vor. Leider geht es fast immer um "Datenmangel", "unzureichende Daten" eine "imperfekte Datenlage", oder Daten, die ab jetzt nun wirklich mal erhoben werden müssen.

Schon 2001 - also vor mehr als 20 Jahren - hat das RKI offenbar angemahnt, dass man die Wirkung von Pandemiemaßnahmen dringend vorbeugend untersuchen sollte. Passiert ist nichts.

In Großbritannien werden seit Beginn der Pandemie in einer repräsentativen Stichprobe 150.000 Menschen monatlich befragt und untersucht, die Wissenschaft kann die Daten nutzen. Eine ähnliche Studie wie in England plant das Gesundheitsministerium nicht, hieß es zuletzt im Februar auf Anfrage der Linken.

Nicht abschließend geklärt

In Deutschland verlassen wir uns noch immer auf die Meldedaten der Gesundheitsämter - und die verschiedenen kleinteiligen Datenerhebungen des RKI. Jenes RKI, das Ende 2020 von 68 beantragten nur vier genehmigt bekam.

Also: Wirken Schulschließungen? Helfen Lockdowns und Geschäftsschließungen? Tja, irgendwie Pech, dass diese Maßnahmen nicht von Anfang an wissenschaftlich begleitet wurden - so konnten auch die Sachverständigen diese Fragen nicht abschließend klären.

Jede Seite sieht sich bestätigt

Es ist zum Schreien. Laut und lange. Und zwar sowohl in Richtung der alten Bundesregierung als auch der neuen. Denn durch dieses Nicht-Ergebnis sieht sich wieder jede Seite in ihrer Meinung bestätigt. Die Maßnahmen-Gegner sagen: "Seht ihr, es ist nicht erwiesen, dass die Maßnahmen wirken." Die Maßnahmenbefürworter sagen: "Es ist aber auch nicht erwiesen, dass sie nicht wirken."

Deshalb muss die Regierung die Wissenschaft ernst nehmen und endlich übergreifende, umfassende Studien beauftragen. Doch für diesen Herbst wird das wohl zu spät kommen - und das ist schade.

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 01. Juli 2022 um 21:45 Uhr.