Plakate erinnern in der Fußgängerzone von Offenbach (Hessen) an die Einhaltung der Maskenpflicht. | dpa
Kommentar

Kommentar zur Corona-Krise Handeln, und zwar jetzt

Stand: 08.12.2020 17:41 Uhr

Die Infektionszahlen in Deutschland bleiben hoch, die Leopoldina rät jetzt zu drastischen Maßnahmen. Die Empfehlungen kämen zur rechten Zeit. Wenn es noch Druck, Anstoß und Argumente brauchte: jetzt gebe es sie.

Ein Kommentar von Kai Clement, ARD-Hauptstadtstudio

Einen Weihnachts-Lockdown hat sicher niemand auf seinem Wunschzettel. Dennoch kommen die Empfehlungen gleich doppelt zur rechten Zeit. Zum einen, um noch vor Jahresende auf Entscheidungen zu drängen. Zum anderen, um die ohnehin ruhigen Weihnachtstage für einen Corona-Umschwung zu nutzen. Die Stellungnahme der Nationalen Wissenschaftsakademie ist eine Argumentationshilfe für die Politik. Freundlich gesagt.

Kai Clement ARD-Hauptstadtstudio

Worauf warten?

Worauf noch warten, wenn die Opferzahlen Ausmaße erreichen, als würde jeden Tag ein Flugzeug abstürzen? Es braucht nicht viele Erklärungen. Es braucht nur eine Grafik. Die Leopoldina hat sie auf ihrer dritten Seite abgedruckt. Zwei Kurven: eine mit den Fallzahlen in Irland, eine für Deutschland. Beide Kurven schwingen sich im März und April zur ersten Welle auf, ab September zur zweiten. Allerdings: die irische ebbt unmittelbar nach dem Höhepunkt wieder ab. Deutschland dagegen bleibt auf einem hohen Plateau. Warum? Irland hatte als erstes EU-Land einen neuen Lockdown angeordnet. Geschäfte schlossen, die Regierung untersagte Treffen in Innenräumen mit anderen Haushalten. Draußen galt in der Freizeit ein Bewegungsradius von fünf Kilometern. Das sind massive Eingriffe. Aber vor einer Woche begann Irland bereits wieder zu lockern. Lieber hart und kurz als Monate mit angezogener Handbremse, so nennt das der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans. Und so empfiehlt es jetzt auch die Nationale Wissenschaftsakademie.

In Sachsen geht es anders

Die Leopoldina nimmt ein Gegenargument vorweg: harter Lockdown gleich großer wirtschaftlicher Schaden. Sie hält dagegen, Verschärfungen seien wirtschaftlich sogar sinnvoll. Zwar stiegen Verluste, dafür sei das Ende schneller absehbar. Nur eines traut sich auch die Leopoldina nicht: einen Lockdown schon ab kommender Woche zu empfehlen. Das Weihnachtsgeschäft, so scheint es, hat dann doch Vorrang. Einerseits verständlich. Andererseits nicht schlüssig, wenn man an das Infektionsrisiko des Innenstadtrummels denkt. Dass es anders geht, hat heute Sachsen entschieden, das angesichts drastischer Zahlen schon ab kommender Woche viele Geschäfte schließt. Die Leopoldina verspricht sich offenbar mehr Rückhalt für die Maßnahmen zum Jahreswechsel. Der ohnehin eine Zeit der Entschleunigung ist.

Wenn es noch Druck, Anstoß und Argumente brauchte: jetzt gibt es sie. Über 30 Wissenschaftlerinnen und Experten - und zwar nicht nur der Virologe Christian Drosten, sondern auch Wirtschaftsforscher, Juristen, Pädagogen, sagen: handeln, und zwar jetzt.

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 08. Dezember 2020 um 05:19 Uhr.