Charlie-Hebdo-Anwalt Richard Malka spricht nach dem Verfahren mit Journalisten. | IAN LANGSDON/EPA-EFE/Shutterstoc
Kommentar

Charlie-Hebdo-Urteil Historischer Prozess ohne Antwort

Stand: 17.12.2020 03:00 Uhr

Zu Beginn des Charlie-Hebdo-Prozesses stand die Hoffnung, dass Frankreich mit den Urteilen ein schmerzhaftes Kapitel hinter sich lassen könnte. Am Ende aber konnte das Verfahren die drängendste Frage nicht beantworten.

Ein Kommentar von Sabine Wachs, ARD-Studio Paris

Er sollte Antworten geben. Der Prozess gegen die mutmaßlichen Helfer der terroristischen Anschläge vom Januar 2015. Er sollte helfen zu verstehen: Warum mussten 17 Menschen sterben, brutal ermordet von drei islamistischen Terroristen? Wie konnten die drei Täter ihre Pläne in die Tat umsetzen?

Sabine Wachs ARD-Studio Paris

Nur, diejenigen, die hätten antworten können, wurden nach ihren Taten von der Polizei erschossen, konnten weder gehört, noch gerichtet werden. Stattdessen hatte die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft Jahre lang im Umfeld der Attentäter gegen mutmaßliche Hintermänner und Komplizen ermittelt. 14 Personen wurden angeklagt, drei in Abwesenheit. Die meisten, die auf der Anklagebank saßen aber sind eher kleine Fische, Kriminelle, mit einem langen Vorstrafenregister, von illegalem Waffenbesitz, Drogendeals, Überfällen bis hin zum Versicherungsbetrug - klischeehaft gesprochen, der normale Werdegang vieler junger, perspektivloser Männer, die in Armut in französischen Vorstadtsiedlungen aufwachsen.

Keiner will etwas gewusst haben

Das Bekenntnis einiger Angeklagter zum Islam wurde von ihnen selbst und ihren Anwälten marginalisiert. Er könne drei Mal am Tag beten und trotzdem weiter machen mit den Frauen, mit krummen Geschäften und dem Alkohol, sagte zum Beispiel einer der Hauptangeklagten, Ali Reza Polat. Befragt zu ihrer mutmaßlichen Mittäterschaft bei den Attentaten versuchten alle Angeklagten, sich aus der Affäre zu ziehen.

Keiner will gewusst haben, mit welchem Ziel die drei Täter ihre Dienstleistungen in Anspruch genommen hatten. Der Erkenntnisgewinn aus ihren Aussagen ging kaum über das hinaus, was die Ermittler in den vergangenen Jahren an Indizien zusammengetragen hatten. Eine Tatsache, die schon vor Prozessbeginn vielen hätte klar sein müssen.

Urteile unter dem geforderten Strafmaß

Das Gericht blieb der großen Mehrheit der Fälle unter dem geforderten Strafmaß der Staatsanwaltschaft. Für den anwesenden Hauptangeklagten Polat gab es statt lebenslang aber immerhin noch 30 Jahre Haft, seine Mittäterschaft sahen die Richter als erwiesen an.

Sieben Angeklagten sprachen die Richter allerdings keinen terroristischen Hintergrund zu, trotzdem wurden auch sie zu teils mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Denn sie waren Rädchen im Getriebe, die mit ihrer kriminellen Energie die Attentate ermöglicht haben. Das ist es, was vom Charlie-Prozess bleibt, die Aussage der Richter, dass jeder, der Terroristen unterstützt, wissentlich oder unwissend mit harten Strafen rechnen muss.

Die Frage nach dem "Warum" wurde nicht beantwortet

In der Öffentlichkeit aber wurde der Prozess weniger als rechtsstaatliches Verfahren, sondern mehr als symbolischer Akt wahrgenommen. Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo war ein Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit, und so stand der Prozess stellvertretend für ihre Verteidigung und somit für die Werte der Republik, die in den vergangenen Monaten durch weitere, neue terroristische Attentate angegriffen wurden.

Er wurde mit dem Adjektiv "historisch" bedacht. Nicht nur wegen seiner Dimension - 14 Angeklagte, mehr als 100 Anwälte und rund 200 Nebenkläger – sondern auch wegen seines Inhalts. Das komplette Verfahren wurde gefilmt, von Anfang an und durchgehend, die Aufnahme geht ins Nationalarchiv. Alles, was in den 55 Tagen Prozess gesagt wurde, bleibt so dokumentiert. Alles, was nicht gesagt wurde, aber auch: Vor allem die für viele Angehörige und Überlebende drängende Frage nach dem "Warum" wurde nicht beantwortet. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Dezember 2020 um 23:00 Uhr in den Nachrichten.