Kommentar

Bundeswehr in der Corona-Krise Nur bedingt einsatzbereit

Stand: 19.03.2020 17:31 Uhr

Dass die Bundeswehr in der Corona-Krise helfen will, ist lobenswert. Allerdings sind die Möglichkeiten der Streitkräfte sehr beschränkt, meint Andreas Flocken. Und das liegt nicht nur am chronischen Personalmangel.

Ein Kommentar von Andreas Flocken, NDR

Die Bundeswehr versucht, in diesen schwierigen Zeiten zu helfen und zu unterstützen. Das ist gut und lobenswert.

Doch machen wir uns nichts vor. Anders als bei der Oderflut oder ähnlichen Naturkatastrophen sind die Möglichkeiten der Streitkräfte diesmal sehr beschränkt. Es ist daher gut, dass die Verteidigungsministerin vor überzogenen Erwartungen gewarnt hat. Die Anfragen auf Amtshilfe halten sich bisher in Grenzen - rund 50 Anträge. Sie beziehen sich zudem vor allem auf die Beschaffung von Schutzausrüstung. Das sind sehr überschaubare Anfragen. Damit ist die Bundeswehr nicht überfordert.

Nicht mehr als ein Junior-Partner

Das zeigt zugleich, dass die Behörden die Möglichkeiten der Streitkräfte realistisch einschätzen. Die Streitkräfte sind in der Corona-Krise zurzeit in der Tat nur ein Junior-Partner. Die Zahl der Ärzte und Sanitäter ist vergleichbar gering.

Die Verteidigungsministerin spricht im Zusammenhang mit der Corona-Krise von einem Marathon. Sie will die Bundeswehr daher vor allem für ein Worst-Case-Szenario aufstellen. Wenn alle zivilen Stellen erschöpft sind, dann schlägt die Stunde der Streitkräfte, so die Vorstellung.

Bundeswehr leidet unter Personalmangel

Ja, das wäre schön - aber auch das ist leider unrealistisch. Insbesondere,wenn die Verteidigungsministerin das Personal als Trumpf und große Ressource herausstellt. Zur Erinnerung: Die Bundeswehr leidet unter chronischem Personalmangel. Erst Anfang des Jahres hatte der Wehrbeauftragte moniert, dass bei den Streitkräften weiterhin 20.000 Dienstposten nicht besetzt sind.

Ja, es gibt viele Reservisten und es haben sich auch viele gemeldet. Doch ob diese Männer und Frauen alle die jetzt benötigten Qualifikationen haben und schnell einsetzbar sind, darf bezweifelt werden. Das Reservisten-Wesen ist in keinen guten Zustand - das hat ja inzwischen selbst das Verteidigungsministerium erkannt.

Dienstbetrieb in Corona-Krise auf ein Minimum reduziert

Die Bundeswehr ist durch die Corona-Krise im Augenblick vor allem mit sich selbst beschäftigt. Zu Recht steht der Schutz des eigenen Personals im Vordergrund. Kommandostellen werden ausgedünnt, der Dienstbetrieb auf ein Minimum reduziert, Lehrgänge wurden abgesagt. Die beiden Bundeswehr-Universitäten sind geschlossen worden, und auch in der Führungsakademie ruht der Lehrbetrieb. Viele Soldaten machen Home Office - soweit das überhaupt möglich ist. Denn es gibt in der Truppe nur eine begrenzte Zahl von Notebooks, mit denen man von zu Hause aus in das besonders geschützte Bundeswehr-Netz kommt. Was am Morgen befohlen wird, das gilt schon am Mittag nicht mehr, klagen Soldaten.

Kurz: Die Bundeswehr ist nur begrenzt handlungsfähig - auch wenn die politische und militärische Führung heute versuchte, einen anderen Eindruck zu vermitteln. Viel wichtiger als ein Corona-Einsatz der Bundeswehr wäre ohnehin die Entwicklung eines Impfstoffes. Vor allem darauf sollte sich die Bundesregierung konzentrieren.

Kommentar: Die Bundeswehr und Corona-Krise
Andreas Flocken, NDR
19.03.2020 17:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. März 2020 um 17:00 Uhr.

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