Das Reichstagsgebäude spiegelt sich in einer Pfütze | dpa
Kommentar

Nach der Bundestagswahl Nun beginnt der Kampf um Koalitionen

Stand: 26.09.2021 23:27 Uhr

Der merkwürdige Wahlkampf geht nahtlos über in einen Kampf um Koalitionen. Jetzt kommt es darauf an, wer am besten Kompromisse schließen und Zugeständnisse machen kann.

Ein Kommentar von Lothar Lenz, ARD-Hauptstadtstudio

Was war das für ein merkwürdiger Wahlkampf - und jetzt geht er mit diesem denkwürdigen Ergebnis zu Ende. Niemand kann mit dem Ausgang dieser Bundestagswahl so richtig glücklich sein. Das Patt zwischen Union und SPD macht die Bildung einer tragfähigen Koalitionsregierung wohl noch anspruchsvoller als ohnehin zu erwarten war. Nicht derjenige wird den Ton angeben, der das breiteste Wählervotum hinter sich weiß. Sondern der, der am besten Kompromisse schließen und Zugeständnisse machen kann an die, die er zum politischen Überleben braucht.

Lothar Lenz ARD-Hauptstadtstudio

Nebenher haben die Wählerinnen und Wähler auch all diejenigen Lügen gestraft, die diese Bundestagswahl zu einer Richtungsentscheidung hochstilisieren wollten, manche sogar zur letzten Ausfahrt vor dem Weg in die Katastrophe.

Das Kanzleramt wird erkämpft, nicht vererbt

Was für ein Debakel für die Union: Auch sie ist jetzt als letzte große Volkspartei auf Normalmaß geschrumpft - und muss lernen, was es heißt, wenn der Kanzlerinnen-Bonus wegfällt. Das höchste Regierungsamt wird eben nicht parteiintern vererbt, sondern will erkämpft sein - das hat Armin Laschet wenn überhaupt, dann viel zu spät erkannt. Er war nicht der Kandidat, dem eine breite Mehrheit der Deutschen das Kanzleramt anvertrauen mochte. Dazu die endlosen Personalquerelen in der Union und die an Sabotage grenzende Binnenkonkurrenz durch Markus Söder: So kann man keine Wahl gewinnen.

Scholz wie Merkel

Dann die SPD. Ihre fast atemberaubende Aufholjagd in den vergangenen Wochen hat von einem historischen Umfragetief aus begonnen, das darf man nicht vergessen. Trotzdem ist es bemerkenswert, wie sehr Olaf Scholz mobilisieren konnte, was an sozialdemokratischem Potenzial im Land vorhanden ist. Berechenbar wie Angela Merkel kam Scholz an, mit einem staatsmännischem Habitus, der über den tagespolitischen Aufgeregtheiten steht. Trotzdem bleibt auch in der SPD der Jubel verhalten: Den erhofften deutlichen Abstand zur Union hat Scholz nicht geschafft - immerhin aber den Absturz seiner SPD in die Bedeutungslosigkeit abgewendet.

Und die Grünen? Auch sie hatten sich wie die Union für Parteiräson statt für Popularität entschieden - und mit Annalena Baerbock eine Kandidatin ins Rennen geschickt, die ihrem Co-Vorsitzenden Robert Habeck rhetorisch und bei der Regierungserfahrung deutlich unterlegen ist. Und nun kommen die Grünen wohl auf einen achtbaren dritten Platz - das ist nicht wenig, aber viel weniger als erhofft. Die "Jetzt oder nie"-Rhetorik der Grünen, also Baerbocks mantrahafte Beschwörung eines historischen Wendepunkts in der Politik hat nicht verfangen.

Denn Wählerinnen und Wähler lassen sich ungern unter Druck setzen. Sie sind autonomer geworden, verlassen ihre angestammten Parteimilieus, entscheiden sich kurzfristiger. Bei dieser Wahl hat sie niemand so richtig überzeugt; und deshalb hat auch niemand einen klaren Auftrag für das Kanzleramt bekommen. Der merkwürdige Wahlkampf geht also weiter als Kampf um Koalitionen.

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 26. September 2021 um 22:30 Uhr.