Boris Johnson | AP
Kommentar

Johnsons Vertrag mit der EU Kein anderer hat den Deal so gebraucht

Stand: 24.12.2020 17:08 Uhr

Der Deal zwischen der EU und Großbritannien steht - und keiner sollte darüber so erleichtert sein wie der britische Premier Johnson. Denn ohne Abkommen hätte sein Image tiefe Kratzer zurückbehalten.

Ein Kommentar von Thomas Spickhofen, ARD-Studio London

Niemand hat diesen Deal so sehr gebraucht wie Boris Johnson. Er hat so viel versprochen - und bislang wenig gehalten: Zum Brexit fielen ihm nur Floskeln ein, die Coronakrise hat das Königreich ein zweites Mal mit voller Wucht erwischt. Sie wird auch auf Monate hinaus noch den Alltag prägen. Der Premier irrlichtert zwischen Hoffnung und Verzweiflung, seinen krachenden Optimismus finden viele Landsleute nur noch zynisch.

Thomas Spickhofen ARD-Studio London

In dieser Situation die Brücken des Vereinigten Königreichs mit seinem wichtigsten Handelspartner EU zu zertrümmern - das hätte Johnson weder eine positive Perspektive für die nähere Zukunft gegeben, noch hätte er damit einen glanzvollen Eintrag in den Geschichtsbüchern bekommen.

Jeder Vertrag verlangt Kompromisse

Boris Johnson wird diesen Deal nun als großen persönlichen Erfolg verkaufen, als das eingelöste große Versprechen: "Let’s get Brexit done". Und das ist auch völlig in Ordnung so, denn er hat es getan: Er hat den Brexit umgesetzt.

Am Ende ist er Kompromisse eingegangen, aber wie soll es auch sonst gehen? Jeder Vertrag bedeutet Kompromisse, alles andere wäre nicht Vertrag, sondern Diktat - und das haben auch die meisten der 17 Millionen Briten, die für den Brexit gestimmt haben, gar nicht verlangt. Das waren nur ein paar Hardliner, die aber Johnson und vorher auch schon Theresa May vor sich her getrieben haben und die besessen sind von einem obskuren Begriff von Unabhängigkeit und Souveränität. Niemand stellt mit diesem Abkommen die Souveränität, niemand stellt die Unabhängigkeit des Vereinigten Königreichs infrage.

Parlament dürfte keine Hürde sein

Es wäre übrigens gut und wichtig für die zukünftigen Beziehungen, wenn die in London hoch angesehene deutsche Regierung das jetzt noch ein paar Mal betonen könnte.

Dass der Deal durchs britische Parlament kommt, davon darf man ausgehen. Die Labour-Opposition wird nicht dagegen stimmen, sie wird sich schlimmstenfalls enthalten, und die höchstens 30 bekannten Hardliner werden den Vertrag nicht mehr stoppen können.

Bei aller Erleichterung über dieses Weihnachtsgeschenk bleibt allerdings auch ein trüber Nachgedanke hängen. Heute vor viereinhalb Jahren, im Morgengrauen des 24. Juni 2016, erfuhren die Briten: Das Volk hat entschieden - wir sind raus. Das war damals sehr schnell und, wie wir heute wissen, auch sehr leichtfertig dahingesagt.

Über dieses Thema berichtete B 5 aktuell am 24. Dezember 2020 um 18:00 Uhr.