Gesperrte Hafenanlage von Dover | dpa
Kommentar

Mutation in Großbritannien Virus kommt Brexit-Verhandlern zuvor

Stand: 21.12.2020 20:30 Uhr

Die EU-Staaten reagieren auf die Virus-Mutation in Großbritannien erneut ohne gemeinsame Linie, meint Alexander Göbel. Und sie liefern einen Vorgeschmack auf den No-Deal-Brexit: Großbritannien gilt schon jetzt als Drittstaat.

Ein Kommentar von Alexander Göbel, ARD-Studio Brüssel

Das hat gerade noch gefehlt: Im Süden Englands wird am Wochenende B1.1.7. entdeckt - eine offenbar besonders ansteckende Mutation des Coronavirus. Und schon herrscht das absolute Reisechaos - und das unmittelbar vor Weihnachten. Epidemiologisch begründen es etliche EU-Staaten, unter ihnen auch Deutschland, dass sie sofort den Flugverkehr nach Großbritannien eingestellt und Grenzschließungen veranlasst haben, dass auch der Eurotunnel erstmal dicht ist.

Alexander Göbel ARD-Studio Brüssel

EU-Krisentreffen ohne Ergebnis

Dennoch: Das ist ein ungutes Déjà-Vu. Und Häme ist gegenüber Großbritannien völlig unangebracht. Hatten nicht schon zu Beginn der Corona-Krise viele Länder ohne Absprache mit den anderen Staaten Grenzkontrollen eingeführt oder die Grenzen geschlossen? Haben wir die Megastaus und Verzögerungen im Warenverkehr schon vergessen, ebenso wie die Bekenntnisse, uns endlich enger abzustimmen? Umso bedenklicher, dass ein Krisentreffen der EU-Länder dazu kein konkretes Ergebnis gebracht hat.

Machen wir den Schengenraum wieder dicht?

Virologen vermuten, dass B1.1.7. - erstmals in Großbritannien im September nachgewiesen - vielleicht schon längst unter uns ist, auf dem Kontinent. Was passiert dann mit Ärztinnen und Ärzten, mit Pflegekräften, die aus dem Vereinigten Königreich kommen, oder die dort gebraucht werden? Was passiert mit dem Schengenraum, wenn gefährliche Mutationen des Virus sich weiter verbreiten? Machen wir dann wieder dicht? Glauben wir immer noch, dass Corona vor Schlagbäumen halt macht, oder vor Flughäfen? 

Ein Vorgeschmack auf den Brexit

Die Dutzende Kilometer langen Lkw-Schlangen auf beiden Seiten des Ärmelkanals sind eine Folge mangelnder Absprachen, fehlender Schnelltests, unausgegorener Präventionsstrategien. Und natürlich sind sie ein Vorgeschmack auf das, was obendrauf dann noch der Brexit bedeuten kann, besonders eine Trennung ohne Deal. Großbritannien wird in diesen Tagen eisenhart als Drittstaat behandelt, das mutierte Virus kommt den Brexit-Unterhändlern zuvor. Aber die diskutieren ja immer noch über Fisch-Fangquoten.

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 21. Dezember 2020 um 21:35 Uhr.