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Kommissions-Kritik an Nowegens Polizei Vorsicht vor Schuldzuweisungen

Stand: 22.07.2021 09:30 Uhr

Von Tim Krohn, ARD-Hörfunkstudio Stockholm

Tim Krohn ARD-Studio Stockholm

Was für eine grauenhafte Situation: Die Eliteeinheit der norwegischen Polizei sitzt in einem viel zu kleinen Schlauchboot, in dem dann auch noch der Motor streikt. Das alles passiert, während fast in Hörweite auf der Insel Utöya Menschen erschossen werden. Die Beamten sind zudem umständlich mit dem Auto zum Fjord gekommen, denn der Polizeihubschrauber steht in der Werkstatt. Natürlich schüttelt man mit dem Kopf, wenn man sich das vor Augen führt. 

Die Angehörigen und Überlebenden vom 22. Juli mussten neun Monate lang warten, bis die Polizei zum ersten Mal von sich aus so etwas wie eine Entschuldigung formulierte. Vielleicht hätten "Handlungsalternativen Leben gerettet", so umständlich hatte es der Polizeipräsident im März dieses Jahres formuliert. Diesen sich windenden Tonfall wird man nun wohl nicht mehr hören. 

Die Untersuchungskommission zum 22. Juli stellt in ihrem Abschlussbericht unmissverständlich fest: Man hätte Anders Behring Breivik früher stoppen können. Ein schnelleres Eingreifen sei möglich gewesen. Und mehr noch: Hätte man die Sicherheitsmaßnahmen nur konsequent angewendet, wäre vielleicht sogar der Bombenanschlag in Oslo zu verhindern gewesen.

Das sind deutliche Worte. Die Fehler sind klar benannt, schriftlich hinterlegt auf 500 Seiten. Aber heißt das auch: Die Beamten und Behörden in Norwegen haben am 22. Juli kollektiv versagt? Nein - trotz Schlauchboot und Chaos.

Hilflose Reaktionen weltweit

Man sollte nicht so schnell vergessen, wie hilflos die ganze Welt auf diese monströse Tat reagiert hatte. Noch bis zum Morgen danach wollte niemand wirklich glauben, dass ein einzelner Mensch an zwei verschiedenen Orten so etwas anrichten kann. Es hatte mehr als 24 Stunden gedauert, bis überhaupt klar war, wie viele Tote es auf Utöya gegeben hat.

Das alles vor Augen: Kann man da wirklich verlangen, dass Behörden oder Anti-Terroreinheiten immer garantiert den schnellsten Weg und das beste Boot finden? 

Man sollte sich mit Schuldzuweisungen an Einzelne in Norwegen zurückhalten. Rücktrittsforderungen, die heute zum Beispiel an Ministerpräsident Jens Stoltenberg gerichtet wurden, sind überzogen. Alle Beamte, alle Retter, alle Beteiligte, alle haben an diesem verhängnisvollen 22. Juli in Oslo und Utöya ihr jeweils Bestes gegeben. Mag sein, dass es nicht gereicht hat.

Der Preis für ein offenes Land

Aber das ist vielleicht der Preis für ein offenes Land ohne hermetisch abgeriegeltes Regierungsviertel. Bei aller Tragik: So kann es eben passieren - in einer zivilen Gesellschaft ohne langjährige Erfahrung mit Terror und Gewalt. 

Zu einer funktionierenden Zivilgesellschaft gehört es auch, das Geschehene von unabhängiger Seite prüfen und bewerten zu lassen. Genau das ist nun in Oslo geschehen. Es ist ein ebenso sachlicher wie konkreter Bericht. Wenn sich Norwegen jetzt daran macht, die Handlungsvorschläge der Kommission auch umzusetzen, ist das Land auf einem guten Weg.

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KOMMENTARE

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Wehrwolf 14.08.2012 • 01:33 Uhr

"Die Eliteeinheit [!] der norwegischen Polizei sitzt in einem ..

... viel zu kleinen Schlauchboot, in dem dann auch noch der Motor streikt." Bin ich der Einzige, der diesen Satz in sich als Widerspruch ansieht und sich an die Olsen Bande erinnert fuehlt? Buerger gebt Eure Waffen ab, denn Dank dieses staatlichen "Gewalt"monopols seid Ihr in sicheren Haenden!