Kommentar

Wahl in Brasilien Fruchtbarer Boden für Populisten

Stand: 08.10.2018 19:30 Uhr

Wer sich nicht erklärt und keine glaubwürdigen Lösungen anbietet, treibt die Wähler den Extremen zu. Das ist die - eigentlich banale Erkenntnis - aus Bolsonaros Wahlsieg in Brasilien.

Ein Kommentar von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Auch in Brasilien haben die Wutbürger jetzt also einen Rechtspopulisten gewählt. Jair Bolsonaro, den "Tropen-Trump" wie die Anhänger aberwitziger Alliterationen ihn gerne nennen. Dabei stellt Bolsonaro sie alle in den Schatten. Er ist noch sexistischer und politisch noch ahnungsloser als Donald Trump. Er ist noch rücksichtsloser und menschenverachtender als Italiens Matteo Salvini. Er hat noch weniger Respekt vor demokratischen Institutionen als Jaroslaw Kaczynski in Polen, ist noch autoritärer und rassistischer als Viktor Orban in Ungarn und ist noch geschichtsvergessener als Heinz-Christian Strache in Österreich. Hetze gegen Frauen, Schwarze und Schwule und Waffen für alle - viel mehr Programm hat Bolsonaro nicht zu bieten.

Blinde Wut auf die politische Klasse

Es schmerzt zu sehen, dass auch ein so buntes, lebensfrohes und chancenreiches Land wie Brasilien den einfachen Heilsversprechen folgt. Und es schmerzt besonders zu sehen, dass viele Menschen nicht einmal sehen, dass sie sich ins eigene Knie schießen. Aus blinder Wut auf die politische Klasse wählen sie einen Politiker, der ihnen schaden wird.

Indigene haben Bolsonaro gewählt, obwohl der die Ausweisung von indigenen Gebieten stoppen und mehr Regenwald roden will. Favela-Bewohner haben ihn gewählt, obwohl er Sozialprogramme stoppen will und sie als Gesindel beschimpft.

Korruption, Intrigen und faule Kompromisse

Aber in Brasilien ist auch sehr klar zu erkennen, wie es soweit kommen konnte. Politiker, die nur in die eigene Tasche wirtschaften, statt Probleme zu erkennen und anzugehen. Parteien, die sich nur mit Ränken, Intrigen und Machtspielchen beschäftigen. Faule Kompromisse, die nur Proporzregeln folgen, von denen aber jeder weiß, dass sie nicht funktionieren können. Eine völlig abgehobene Führungselite, die es nicht einmal schafft, die Sprache des Volkes zu sprechen, die daran scheitert, sich zu erklären. Politische Entscheidungen, die unbequem sind, werden auf die Justiz abgewälzt.

Die Debatten vor der Wahl waren von einem erbärmlichen Niveau - und in der Wahlnacht klang es auch nicht so, als hätten Bolsonaros Gegner irgendetwas begriffen. Selbst Lula da Silva, der alte Volkstribun, scheint den Draht zum Volk verloren zu haben. Nur die treuesten Prätorianer kamen zu seinen Auftritten, und auch ihm ging es längst nicht mehr um Gerechtigkeit oder das Beste für sein Land, sondern um persönliche Eitelkeiten, Kränkungen und Rechthaberei. Sonst hätte er viel früher Platz gemacht für einen Kandidaten, der noch die Chance hat, sich ein eigenes Profil zu erarbeiten.

Banale Erkenntnis

In Brasilien floss Geld in Prestigeprojekte, aber für die Polizei, oder die Daseinsvorsorge ist kein Geld mehr da. Das Nationalmuseum brannte aus Schlamperei ab, Agrarkonzerne dürfen rücksichtslos Wälder niederbrennen, Indigene und Kleinbauern vertreiben und ganze Landstriche vergiften.

Wer sich nicht erklärt und keine glaubwürdigen Lösungen anbietet, treibt die Wähler den Extremen zu. Diese Erkenntnis ist so banal, dass sie eigentlich nicht erwähnt werden müsste. Brasiliens Politiker haben jetzt noch drei Wochen um es besser zu machen. Noch kann der Durchmarsch Bolsonaros in der Stichwahl verhindert werden.

Kommentar zur Brasilien-Wahl: Freie Bahn für Populisten
Ivo Marusczyk
09.10.2018 06:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. Oktober 2018 um 20:00 Uhr.

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