Kommentar

Brände in Kalifornien Zwischen Fortschritt und Mittelalter

Stand: 31.10.2019 14:37 Uhr

Kalifornien präsentiert sich gerne als Geburtsort der Zukunft. Mit Blick auf technische Neuerungen stimmt das. Doch die Brände zeigen: Teilweise ist der Bundesstaat noch im Mittelalter.

Ein Kommentar von Katharina Wilhelm, ARD-Studio Los Angeles

Der PC, das Internet, das iPhone, der Onlinehandel, Sharing-Economy - all das ist Kalifornien. Ein Bundesstaat mit der stärksten Wirtschaft der USA, mit einem unerschütterlichen Glauben an sich selbst, Innovation und Zukunft. Hier, denken sich viele Menschen, ist doch alles möglich.

Doch dann kommen in jedem Jahr die Waldbrände. Und Kalifornien fühlt sich für viele Menschen auf einmal nicht mehr nach moderner Glitzerwelt und dem Geburtsplatz der Zukunft an - sondern teilweise wie das Mittelalter. Wenn Tausende Menschen auf einmal vor Feuern fliehen müssen und Millionen Menschen plötzlich keinen Strom mehr haben - und das für Tage.

Angst vor Schadensersatzklagen

Warum? Weil die Stromversorger Angst vor Schadenersatzklagen haben. Denn die Stromkabel, die noch immer überirdisch verbaut sind, sind marode. Bei Stürmen knicken sie durchaus um und lösen so Feuer aus. 

Die Feuer vor allem in diesem Jahr zeigen überdeutlich, dass Kalifornien nichts gelernt hat aus den vergangenen Jahren. Nicht nur die Gier der Stromkonzerne und deren Misswirtschaft ist daran schuld. Sie haben es verpasst, das Netz zu modernisieren.

Stabiles Skelett fehlt

Auch die Politik hat, was den Umbau der Infrastruktur angeht, einfach geschlafen - da lässt sich nichts beschönigen und auch der Gouverneur Kaliforniens kann so viel auf die Stromkonzerne schimpfen wie er will.

Auch die demokratische Partei hat es verpasst, Druck auszuüben - und dem achso modernen Bundesstaat Kalifornien nicht nur ein strahlendes Äußeres zu verpassen, sondern auch ein stabiles Skelett. Klar, das Problem liegt tiefer: Wo man die Kontrolle über wichtige Dinge - wie die Stromversorger - privaten Monopolisten überlässt, muss man sich kaum wundern.

Dürre wird schnell wieder vergessen

Doch die Probleme gehen weiter. Die anhaltende Dürre der vergangenen Jahre hat ebenso den Boden für die Feuer bereitet. Jahrelang hat man sich wenig um die Wasserreserven im Boden gekümmert. Das Land vertrocknet. Statt nachhaltig Wasserspeicher aufzubauen, wurde bei der nächsten längeren Regenperiode schnell wieder das Thema Wassersparen vergessen.

Und noch ein anderes Problem wird deutlich sichtbarer: die Wohnungskrise. Die Menschen in Kalifornien lieben es, viel Platz um sich herum zu habe - einen Garten, einen Pool, eine große Veranda, wenn möglich. Lieber wird in die Fläche, als in die Höhe gebaut. So breitet sich der Mensch aus - und kommt dem Feuer in die Quere.  

Kalifornien würde gut daran tun, wenn es nun echten Innovationsgeist zeigen würde - und den Feuern mit einer cleveren, nachhaltigen und durchdachten Strategie entgegen tritt. So wie jetzt, ist jedenfalls auf lange Sicht kein Fortschritt zu machen.

Kommentar: Brände zeigen die bittere Wahrheit über die Fortschrittlichkeit Kaliforniens
Katharina Wilhelm, ARD Los Angeles
31.10.2019 12:33 Uhr

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