Kommentar

Ein Protestplakat in Fulda. | Bildquelle: RONALD WITTEK/EPA-EFE/Shuttersto

Entschädigungs-Zahlungen Armutszeugnis für eine reiche Kirche

Stand: 24.09.2020 22:20 Uhr

Im Missbrauchsskandal haben sich viele schuldig gemacht - nicht nur die Täter. Deswegen müsste die katholische Kirche den Opfern deutlich mehr zahlen als die üblichen Schmerzensgelder.

Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung, BR

Reich, reicher, Paderborn. Das katholische Erzbistum Paderborn ist das finanzstärkste Bistum in Deutschland. Auf 7,15 Milliarden Euro summiert sich dessen Vermögen. Natürlich: Das Geld liegt nicht einfach auf der hohen Kante. Es steckt in Stiftungen, die karitative Arbeit unterstützen oder in Immobilien, die die Ruhestandsgehälter von kirchlichen Beschäftigten absichern sollen.

Die Kirche in Deutschland ist reich

Trotzdem: 7,15 Milliarden sind unglaublich viel Geld. Für ein einzelnes Bistum. Und andere Diözesen sind ähnlich vermögend. Dazu kommt, dass die Kirchen trotz steigender Austrittszahlen in den vergangenen Jahren stetig steigende Kirchensteuereinnahmen verzeichnen konnten. Kein Zweifel: Die katholische Kirche in Deutschland ist reich. Dass es die Bischöfe angesichts dieser Finanzkraft nicht geschafft haben, sich zu deutlich höheren Zahlungen durchzuringen, ist ein Armutszeugnis.

Vor einem Jahr sah es noch ganz anders aus. Damals machte eine Expertenrunde aus Justiz, Politik und Betroffenen der Bischofskonferenz den Vorschlag, Missbrauchsopfer im Einzelfall mit bis zu 300.000 oder gar 400.000 Euro zu entschädigen. Man hat versucht zu beziffern, was es kostet, wenn Menschen nach dem Trauma des Missbrauchs nur noch eingeschränkt leben, lieben und arbeiten können. Und die Bischöfe versprachen, sich ernsthaft mit diesem Vorschlag auseinanderzusetzen, sie wollten an die Schmerzgrenze gehen.

Es geht um ein Zeichen

Mit Geld lässt sich nicht entschädigen, was Vertreter der Kirche ihren Opfern angetan haben. Natürlich nicht. Die Kirche kann sich nicht freikaufen. Sie kann aber ein Zeichen setzen: "Wir haben verstanden." Denn in diesem Skandal wurden ja nicht nur die Täter schuldig, sondern auch die Personalreferenten, die Generalvikare und Bischöfe, die nicht aufgepasst, die weggeschaut, die bagatellisiert, die vertuscht haben.

Diese institutionelle Komplizenschaft rechtfertigt auch Summen, die deutlich über den in Deutschland üblichen Schmerzensgeldern liegen. In der Bischofskonferenz zählten offenbar andere Kriterien: die Rücksichtnahme auf finanzschwache Bistümer und Orden, auf andere Institutionen, die evangelische Kirche, die Sorge vor dem Ärger an der Kirchenbasis. So haben es die Bischöfe verpasst, einen großen Schritt auf die Betroffenen von Missbrauch zuzugehen. Sie hätten sich mehr leisten können.

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 24. September 2020 um 17:16 Uhr.

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