Gottesdienst der katholischen Bischöfe in Fulda. | dpa
Kommentar

Treffen in Fulda Den Bischöfen läuft die Zeit davon

Stand: 23.09.2021 21:45 Uhr

Der Vertrauensverlust nach dem Missbrauchsskandal ist gewaltig. Immer öfter kehren selbst engagierte Mitglieder der katholischen Kirche den Rücken. Den Bischöfen läuft die Zeit davon.

Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung, BR

Bei der Bischofskonferenz gehen die Uhren anders: Ist es fünf vor zwölf? Oder schon fünf nach zwölf? Kommt darauf an, wen man fragt. Wer die katholischen Bischöfe bei ihrer Tagung in Fulda begleitet hat, kann den Eindruck gewinnen: Die Zeit ist stehen geblieben.

Tilmann Kleinjung

Da werden in aller Seelenruhe Kommissionen bestellt, Papiere verfasst, Leitlinien verabschiedet. Business as usual. Dieses In-sich-Ruhen einer großen Institution, die seit 2000 Jahren besteht, täuscht routiniert darüber hinweg, dass sich eben diese Institution in der schwersten Krise der jüngeren Vergangenheit befindet.

Vertrauensverlust ist gewaltig

Der Vertrauensverlust nach dem Missbrauchsskandal ist gewaltig, nicht nur in der Gesellschaft, auch unter Katholikinnen und Katholiken. Den Bischöfen läuft die Zeit davon. Das wissen sie vermutlich auch. Sie spüren ja die Ungeduld engagierter Katholikinnen und Katholiken, die sich für echte Reformen stark machen. Sie hören ja den Unmut an der Basis, wenn ein Bischof trotz nachgewiesenen Versagens bei mehreren Missbrauchsfällen im Amt bleiben darf.

Der gerade von Papst Franziskus im Amt bestätigte Erzbischof Heße war in Fulda wieder dabei, und der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki ist immer noch dabei. Obwohl in seinem Bistum das Kirchenvolk auf die Barrikaden geht, der Klerus sich vom Bischof abwendet und sich Betroffene von Missbrauch getäuscht und verraten fühlen. Manchen Hirten scheint jedes Zeitgefühl abhanden gekommen zu sein.

Andere spüren, dass die Zeit drängt und setzen auf den Synodalen Weg, den Reformprozess in der katholischen Kirche. Hier berät die Kirchenbasis gemeinsam mit Bischöfen über konkrete Wege aus der Kirchenkrise. Der Synodale Weg kann in der katholischen Weltkirche natürlich kein Sonderweg sein, weshalb der päpstliche Botschafter in Deutschland, Nuntius Nikola Eterovic, in seinem Grußwort die Bischöfe eindringlich ermahnte, die Einheit der Kirche zu wahren und den Weisungen des Papstes zu folgen. Das kann man schon als Drohung verstehen.

Furcht vor Veränderung im "Wesenskern" der Kirche

Konservative Vertreter der Bischofskonferenz sekundieren da gerne und warnen, dass durch den Reformprozess die Kirche "in ihrem Wesenskern" verändert wird. Gehört es tatsächlich zum Wesenskern der katholischen Kirche, dass alle Macht bei den Bischöfen liegt, dass Frauen keinen Zugang zu wichtigen Ämtern haben, dass die katholische Sexualmoral kaum vermittelbar und wenig zeitgemäß ist?

Genau an diesen Punkten wollen viele Katholikinnen, Katholiken und auch Bischöfe beim Synodalen Weg ansetzen. Sie sind der Überzeugung, dass die Kirche bei diesen Reformen zunächst strukturelle Missstände beseitigen muss und dann die Hoffnung haben darf, dass sich die Menschen ihr wieder zuwenden.

Eine Garantie dafür gibt es natürlich nicht. Denn der katholischen Kirche läuft die Zeit davon. Es sind immer öfter auch die engagierten Mitglieder, die ihrer Kirche den Rücken kehren. Diejenigen, die von einer Bischofskonferenz schon lange keine Antworten mehr auf ihre Fragen erwarten. Auf deren Uhr ist es fünf nach zwölf.

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 23. September 2021 um 21:45 Uhr.