US-Präsident Biden am Rednerpult in Washington währen des Merkel-Besuchs  | REUTERS
Kommentar

Biden empfängt Merkel Die Daumenschrauben bleiben

Stand: 16.07.2021 09:10 Uhr

Das Signal des Besuchs: Eine neue Harmonie zwischen den USA und Deutschland nach den Jahren unter Bidens Vorgänger Trump. Aber eines hat Biden nicht getan: Alle Daumenschrauben seines Vorgängers abzulegen.

Ein Kommentar von Arthur Landwehr, ARD-Studio Washington

Freunde, Partner, gleiche Werte, gemeinsame Ziele. Das alles sind Begriffe, die sich durch die öffentlichen Auftritte von Angela Merkel und Joe Biden ziehen, die man lange nicht mehr aus dem Weißen Haus gehört hat. Der amerikanische Präsident tut alles, um die Veränderung von seinem Vorgänger Donald Trump zu ihm hörbar, sichtbar und spürbar zu machen.

Arthur Landwehr ARD-Studio Washington

Partnerschaft im Mittelpunkt

Während die letzte US-Regierung Europa und insbesondere Deutschland als Konkurrenten bis hin zum Gegner charakterisierte, findet Biden eine Ebene, auf der die jahrzehntelange Partnerschaft im Mittelpunkt steht. Das aber erleichtert es Biden, die eigenen, die amerikanischen Interessen klar zu formulieren und durchzusetzen.

Niemand hat in der Öffentlichkeit das Gesicht verloren, als es zum Beispiel um den großen Konfliktpunkt Nord Stream 2 ging. Und doch wurde spürbar, dass dort gerungen wurde, dass Biden einen hohen Preis gefordert und bekommen hat. Dieser Preis sind Garantien an die Ukraine, anscheinend Nachverhandlungen mit der russischen Seite.

Ein typischer Biden-Tag

Ein typischer Biden-Tag, könnte man sagen. So arbeitet er, so webt er seit Jahrzehnten seine politischen Erfolge. Er sagt klar, was er will, und dann ist nichts mehr zu hören, bis hinter den Kulissen verhandelt und alles geregelt ist. Er zwingt seine Gegenüber nicht, sich öffentlich festzulegen, sondern gibt ihnen Gelegenheit, Abkommen als eigene Entscheidung darzustellen. So hat er auch die Bundeskanzlerin mitgenommen und ihren Abschiedsbesuch in Washington zu einem echten Arbeitsbesuch gemacht.

Abgesehen davon, dass es wirklich viel zu klären gibt, hat man sich in Washington wohl auch nicht vorstellen können, dass eine Angela Merkel nicht bis zum letzten Tag arbeitet und dabei noch ein paar Pflöcke einschlägt, die sie als Erbe im Kanzleramt hinterlässt und an denen niemand vorbei kommt, egal wer dort in einigen Monaten regiert.

Die persönliche Ebene pflegen

Joe Biden versteht es aber auch, die wichtige persönliche Ebene zu pflegen und dabei ein Maß zu finden, das perfekt auf seinen Gast passt. Dass Angela Merkel keinen Wert auf Pomp legt, ist bekannt. Eine Ehrenformation des Militärs macht ihr anscheinend keine Freude. Dass sie als erste europäische Regierungschefin die Einladung ins Weiße Haus bekam, vermutlich schon.

Die Ehrendoktorwürde von einer Hochschule mit hohem wissenschaftlichen Rang als Abschiedsgeschenk, auch das passt zu einer Angela Merkel. Das Abendessen im Weißen Haus - kein Staatsdinner mit aufwändigem und durchchoreographiertem Protokoll. Stattdessen hatte Biden mit zum Beispiel Hillary Clinton und Colin Powell Wegbegleiter eingeladen, zwei ehemalige Außenminister, mit denen Merkel Weltpolitik gestaltet hat.

Alle Daumenschrauben noch nicht abgelegt

Mit diesem Arbeits- und Abschiedsbesuch hat Joe Biden viel getan, ein paar Wunden der vergangenen vier Jahre zu verbinden. Aber eines hat er bisher auch nicht getan: Alle Daumenschrauben seines Vorgängers abzulegen. Es gibt weiter Strafzölle, auch wenn man Einigungsbereitschaft signalisiert. Und an der Forderung nach mehr Engagement bei der Rüstung hat sich auch nichts geändert.

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 15. Juli 2021 um 22:45 Uhr.