US-Präsident Biden (Archivbild). | EPA
Kommentar

Afghanistan-Abzug Biden demontiert sich und Amerikas Zukunft

Stand: 20.08.2021 04:47 Uhr

Von dem Joe Biden, der sich im Wahlkampf als einfühlsamer Weltbürger präsentierte, ist nach dem Afghanistan-Debakel nichts mehr übrig. Schlimmer noch: Mit seiner Strategie hat er nicht mal Erfolg. Das wird sich rächen.

Ein Kommentar von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Vor sieben Monaten ist Joe Biden ins Amt gekommen, und es ist Zeit zu fragen: Ist das tatsächlich der Mann, den die US-Amerikanerinnen und -Amerikaner gewählt haben? Der Mann, den wir aus dem Wahlkampf kennen, war ein Seelchen. Immer feuchte Augen, wenn nur der Name seines verstorbenen Sohnes erwähnt wurde. Immer besorgt um den leeren Stuhl am Tisch der Familie, wo ein Mensch hätte sitzen sollen, der nun gerade an Covid-19 gestorben war. Ein Kümmerer, der noch jedem Kind, das er traf, ein Eis versprach, und sich für alle und alles verantwortlich fühlte.

Katrin Brand ARD-Studio Washington

Ein Empfänger, kein Sender, einer, der zuhörte und nachfragte, der nicht immer "ich" sagte, sondern "wir alle". Ein Weltbürger, der "Amerika ist zurück!" rief und sich auf der Weltbühne als verlässlicher Partner der freien Welt verstand - gegen China und Russland. Einer, der auf jeden Fall nicht Trump war, der nicht lügen wollte, sondern klar, wahr und transparent handeln und sprechen wollte, der Fehler zugeben und nicht Verantwortlichkeit abwälzen wollte. Der Silberrücken unter den Politikern, der - anders als die jungen Leute, die sich außer ihm um das Amt bewarben - 50 Jahre Erfahrung vorzuweisen hatte, der die Weltpolitik kannte wie die Straßen seiner Heimatstadt Wilmington.

Biden zuckt trotzig mit den Schultern

Dieser Mann, dieser nette Herr Biden, ist - schockierenderweise - weg. Verschwunden. Wir sehen einen Präsidenten, der mit dem Finger auf andere zeigt und behauptet, die Afghanen seien eben selber Schuld, und überhaupt habe er das Problem Afghanistan nur geerbt. Der die Warnungen vor dem drohenden Zusammenbruch ignorierte - ja, es gab sie - und den Abzug innerhalb weniger Monate durchzog. Der nun behauptet, alle seien vom schnellen Vormarsch der Taliban überrascht worden. Der trotzig behauptet, Bürokratie und Chaos seien unvermeidbar gewesen. Der die Bilder vom Flughafen herzzerreißend findet, aber dann doch mit den Schultern zuckt. Und der sagt, dass die Sicherheit Afghanistans nun nicht mehr im amerikanischen Interesse sei.

Wenn ich Amerikanerin wäre und ihn gewählt hätte, würde ich mich jetzt stark hinters Licht geführt fühlen. War Biden etwa immer schon so? Oder hat er sich mit den falschen Beratern umgeben? Hofft er, dass alles schon irgendwie gut geht? Dass den Amerikanerinnen und Amerikanern, außenpolitisch desinteressiert, wie sie sind, Afghanistan irgendwie egal ist? Und dass die USA, wie sonst auch, immer nur nach vorne schauen und bald vergessen, was war?

Biden noch nicht mal erfolgreich

Was Joe Biden denkt und warum er gerade so handelt, wissen wir nicht. Und das ist ein Teil des Problems. Was wir sehen, ist ein Joe Biden, der weder glaubwürdig, noch fürsorglich, noch empathisch, noch transparent, noch verlässlich, noch verantwortungsvoll handelt. Das würden ihm Wähler in den USA womöglich alles noch durchgehen lassen.

Aber Biden ist noch nicht mal erfolgreich in dem, was er in Afghanistan gerade macht. Und das wird sich rächen, bitter rächen, auch für die Welt da draußen. Ein erfolgreicher Biden hätte die USA ein paar Jahre lang vor Trump und seinen Ablegern schützen können. Demontiert sich Biden, demontiert er Amerikas Zukunft.

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. August 2021 um 18:22 Uhr.