Kommentar

Demonstrantin mit Megafon | Bildquelle: REUTERS

Abtreibungsrecht in Argentinien Der Doppelmoral den Kampf angesagt

Stand: 30.12.2020 20:52 Uhr

Die Liberalisierung des Abtreibungsrechts in Argentinien ist in Südamerika ein Tabubruch, der überfällig war, meint Anne Herrberg. Das Abtreibungsverbot hat nicht Leben geschützt, sondern die Autonomie von Frauen verhindert.

Ein Kommentar von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Auch wenn Argentiniens Regierung den Triumph für sich verbuchen wird - es ist Argentiniens Frauenbewegung, die nun Geschichte geschrieben hat: Mit der Legalisierung von Abtreibungen wird eines der großen Tabus in Lateinamerika gebrochen.

Und das in einer Region, die geprägt ist von Machismo, vom enormen Einfluss der Kirche und auch von einer erstarkenden ultrakonservativen Rechten. Für sie ist das Gesetz ein purer Affront. Dabei geht es aber längst nicht um Moral und Schutz des Lebens. Das ist ein scheinheiliger Diskurs, der nur die Doppelmoral verschleiert, die diese verkrusteten Strukturen seit Jahren kennzeichnet.

Was stört, ist die Autonomie der Frauen

Alle wissen schließlich, dass Frauen abtreiben, auch katholische, evangelikale und konservative Frauen. Niemand macht das gern. Aber manche Schwangerschaften sind nicht gewollt. Wer das Geld und Kontakte hat, den treffen Verbote und Strafen nicht. Sie treffen nur arme Frauen. Frauen, die aus Verzweiflung bei irgendwelchen Scharlatanen in Hinterhofpraxen landen, oder selbst Hand anlegen - mit Petersilie oder Kleiderbügeln - und dafür mit schweren Verletzungen oder dem Leben bezahlen.

Das Verbot trifft auch Tausende minderjährige Mädchen, meist geschwängert von Vätern, Brüdern, Onkeln und dann - selbst noch ein Kind - zum Muttersein gezwungen werden. Allzu oft mit dem heiligen Segen der Kirche. Wird so Leben geschützt? Nein, geschützt werden durch das Verbot nur die eigenen Privilegien. Was in Wahrheit stört, ist die Autonomie der Frauen. Alle wissen es.

Dieser Doppelmoral wurde nun der Kampf angesagt - mit Beharrlichkeit, Aufklärung und einem grünen Kopftuch. Dem Symbol, das längst in ganz Lateinamerika für das Recht auf selbstbestimmte Abtreibung steht.

Kirchen werden weiter gegen Abtreibungen kämpfen

Seit mehr als 30 Jahren kämpfen Argentiniens Frauen dafür, über Generationen hinweg. Es waren die Enkelinnen, aber auch die Enkel, die erreichten, dass ein entsprechendes Gesetz 2018 erstmals im Kongress landete, und nach dem Scheitern, 2020 erneut behandelt wurde. Es ist die massive grüne Flut auf der Straße, die nun auch den konservativen Senat zwang, das Gesetz endlich anzunehmen. Trotz des massiven Drucks der Kirche, der katholischen und der evangelikalen Freikirchen, der Pro-Vida-Bewegung und ultrarechter Parteien. Und, da darf man sich nichts vormachen, sie werden weiter Druck ausüben und versuchen zu verhindern, dass das Gesetz umgesetzt und angewendet wird.

Denn natürlich hat es Signalwirkung, dass ausgerechnet die Heimat von Papst Franziskus nun eines der fortschrittlichsten Abtreibungsgesetze bekommt. Auch in anderen Ländern kämpfen feministische Bewegungen für Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Und es wäre nicht das erste Mal, dass Argentinien den ersten Schritt macht. Das war bei der Homo-Ehe so, bei Gesetzen zur freien Geschlechtswahl, warum nicht auch jetzt? Im nächsten Jahr steht dann der Kampf der orangenen Kopftücher an. Die Farbe steht in Argentinien für eine wahre Trennung zwischen Kirche und Staat. Es wird Zeit.

Kommentar: Argentiniens Frauenbewegung lässt nicht locker
Anne Herrberg, ARD Buenos Aires
30.12.2020 20:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Dezember 2020 um 20:00 Uhr.

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