Der Hinterkopf eines Mannes mit einer Kippa | EPA
Kommentar

Antisemitische Vorfälle "Nie wieder" zu sagen reicht nicht

Stand: 14.05.2021 20:42 Uhr

Hass und Hetze gegen Juden haben nichts mit berechtigter Israel-Kritik zu tun. Diesem Antisemitismus muss entschieden entgegengetreten werden - rituelle Betroffenheit reicht hier nicht aus.

Ein Kommentar von Tina Hassel, ARD-Hauptstadtstudio

"Schauen Sie nicht weg", hat der Zentralrat der Juden am Freitag gefordert, und schon der Appell müsste uns beschämen. Wo ist der Aufstand der Anständigen, wenn im Netz gerade Hass und Hetze gegen Juden toben? Wieso lassen wir es zu, dass ausgerechnet vor Synagogen antisemitische Parolen gegrölt werden? Warum löst die Polizei eine Demonstration nicht auf, wenn dort "Scheiß Juden" skandiert wird?

Mit berechtigter Israel-Kritik hat all das nichts zu tun. Wieso, bitte schön, sollen Juden, die deutsche Staatsbürger sind, für die Politik in Israel verantwortlich sein? Wo viele dort noch nicht einmal wählen können. Ja, das Leid der Zivilbevölkerung ist unerträglich, in Gaza und in Israel. Und die Eskalation muss sofort enden. Aber Israel hat ein Recht auf Selbstverteidigung. Wer das in Frage stellt, sollte sich fragen: Wie hätten wir reagiert, wenn in wenigen Tagen Tausende Raketen auf uns abgefeuert werden würden?

Antisemitismus erkennen und einordnen

Es reicht nicht, wenn Politiker bei Gedenkveranstaltungen mit betretener Miene das "nie wieder" beschwören. Statt ritueller Betroffenheit sollte die Politik endlich konsequent gegen jegliche Bedrohung jüdischen Lebens vorgehen. Wer antisemitische Parolen grölt oder israelische Flaggen verbrennt, muss die volle Härte des Rechtsstaats spüren.

Vor allem aber müssen Justiz und Sicherheitskräfte richtig geschult werden. Nur dann können sie die verdeckten Chiffren von Antisemitismus richtig einordnen und Gefahren rechtzeitig erkennen. "Halle" konnte nur geschehen, weil die Polizei nicht präsent war. Warum? Weil sie keine Ahnung hatte, dass gerade Yom Kippur war, der höchste jüdische Feiertag. Was, wenn beim nächsten Mal keine Spezialtür ein Massaker an Juden in Deutschland in letzter Sekunde noch verhindert? Was dann? Betroffenheitsplattitüden mit dem Versprechen: "Nie wieder"?

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 14. Mai 2021 um 21:45 Uhr.