Menschen flanieren an der Strandpromenade in Tel Aviv.  | EPA
Kommentar

Amnesty-Bericht Nein, Israel ist kein Apartheidstaat

Stand: 02.02.2022 15:10 Uhr

Der Amnesty-Bericht, der Israel als Apartheidstaat brandmarkt, ist unseriös. Denn historische Vergleiche dieser Art hinken fast immer - auch in diesem Fall. Zudem befeuert der einseitige Bericht antisemitische Stereotype.

Ein Kommentar von Julio Segador, BR

Um es klar zu sagen: Israel ist kein Apartheidstaat. Dass Amnesty International in seinem jüngsten Bericht zur Lage in Israel und den Palästinensergebieten zu dem Schluss kommt, Israel habe ein Apartheidregime installiert, das Palästinenser systematisch enteignet, ausgrenzt - bis hin zur Entvölkerung, ist absurd.

Julio Segador

Es verkennt die Realitäten in einer fragilen Region, die seit Jahrzehnten um Frieden ringt, und die dabei seit Jahrzehnten Rückschläge erleidet, wofür man auch - aber eben nicht nur - Israel verantwortlich machen kann.

Begriff "Apartheid" macht den Bericht unseriös

Dass Amnesty International mit dem Begriff der "Apartheid" einen Begriff verwendet, der mit Blick auf die südafrikanische Vergangenheit historisch einmalig belegt ist, macht den Bericht unseriös. Historische Vergleiche dieser Art hinken fast immer.

Das Israel im Jahr 2022 hat nichts mit dem Apartheidregime zu tun, das Südafrika mehr als vier Jahrzehnte bis 1994 knebelte. Oder waren zu dieser Zeit Vertreter der schwarzen Bevölkerungsschicht in der Regierungskoalition? Gab es einen schwarzen obersten Richter? In Israel ist eine arabische Partei Teil der derzeitigen Regierungskoalition. 14 Jahre lang gab es zuletzt einen arabisch-stämmigen obersten Richter.

Das belegt: Historische Vergleiche treffen nur selten zu. Das sollte uns in Zeiten, in denen Kritiker der Corona-Maßnahmen den sogenannten "Judenstern" auf offener Straße schamlos benutzen, um sich selbst als Opfer zu stilisieren, nachdenklich machen.

Unverzeihlich kurzsichtig

Die Realität im Nahen Osten ist schwierig und kompliziert. Und ja: Auf israelischer Seite torpedieren Hardliner den Friedensprozess, und die völkerrechtswidrige Besatzung von Teilen des Westjordanlandes gießt zusätzliches Öl ins Feuer. Doch auch der Terror der Palästinenser hat die Friedensbemühungen immer wieder zunichte gemacht - und das legitime israelische Selbstverteidigungsrecht herausgefordert. Das ist die traurige Realität.

Die Lage ist aber nicht hoffnungslos: Und genau diese Hoffnung konterkariert der Amnesty-Bericht. Einseitig wird hier ein Land für die schwierigen Verhältnisse verantwortlich gemacht. Der dringend notwendigen Versöhnung von Israelis und Palästinensern leistet das nicht gerade Vorschub.

Und noch eine fatale Wirkung hat dieser mangelhafte und einseitige Bericht: In Zeiten, in denen Antisemitismus weltweit wieder salonfähig wird, in denen Juden auf den Straßen um Leib und Leben fürchten müssen, befördert Amnesty International antisemitische Stereotype. Das nicht bedacht zu haben, ist unverzeihlich.

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Februar 2022 um 07:05 Uhr.