Bundeswehrsoldaten tragen auf dem Flughafen in Masar-i-Scharif zu einem wartenden Hubschrauber eine Feldkiste (Archivbild vom 08.12.2015). | dpa
Kommentar

Der Westen und Afghanistan Nach den Fehlern nur noch Ohnmacht

Stand: 13.08.2021 19:55 Uhr

Völlig überrumpelt und zum Zuschauen verdammt muss die Bundesregierung mit ansehen, wie die Taliban in Afghanistan vorrücken. Es entsteht der Eindruck einer eiligen Flucht.

Ein Kommentar von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Es muss der deutschen Politik so vorkommen, als sei sie an einen Sessel gefesselt und dazu gezwungen, einen Horrorstreifen im vor ihr laufenden Fernseher zu verfolgen. Ohne dass sie in irgendeiner Form Einfluss auf das Geschehen nehmen könnte.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Genau das passiert in Afghanistan: Die Taliban überrennen eine Provinz nach der anderen, nehmen die Hauptstadt von allen Seiten in die Zange. Der Westen, Deutschland, die Bundeswehr sind zum Zuschauen verdammt, seit sie militärisch keinerlei Druck mehr entfalten können. Der bedingungslose Abzug: Ein Fehler, mit dem die Weltgemeinschaft die eigene Ohnmacht selbst heraufbeschworen hat, allen voran die USA. Ohne die natürlich auch die Bundeswehr am Hindukusch nicht bleiben konnte.

Sturm auf Kabul könnte in Gemetzel enden

Deshalb sind es nun also sehr dünne Strohhalme, an die man sich noch klammert: die leise Hoffnung etwa, dass die Taliban davor zurückschrecken könnten, auch die Hauptstadt Kabul im Sturm zu erobern. Weil dies in einem heillosen Gemetzel enden könnte. Und weil hier zwei Welten aufeinanderprallen würden: die der Steinzeit-Extremisten und die einer jungen, vibrierenden Neuzeit-Zivilgesellschaft.

Viel mehr als Drohungen von Geldentzug oder Nicht-Anerkennung eines Taliban-Kalifats haben der Westen und die Bundesregierung jedoch nicht mehr im Ärmel. Dass diese Botschaften bei den sich im Siegesrausch befindlichen Islamisten überhaupt ankommen, ist kaum zu erwarten.

Und dass sich doch bald wieder Bundeswehr-Soldaten den Extremisten auf deren unaufhaltsamem Weg an die Macht in den Weg stellen, ist so gut wie ausgeschlossen. Deutschland und die Welt haben die Ausgangstür aus Afghanistan hinter sich zugeschlagen - was nun dahinter passiert, soll bitte Sache der Afghanen sein.

Es passiert, was der Westen vermeiden wollte

Bei all dem drängt sich der verheerende Eindruck auf, dass die Bundesregierung von dem rasanten Vormarsch - um nicht zu sagen Durchmarsch - der Taliban völlig überrumpelt wird. Und heute - nach dem Ende des Einsatzes - auf die Ereignisse am Hindukusch ebenso unvorbereitet reagiert, wie sie das vor 20 Jahren tat, als sie sich richtigerweise auf die Mission einließ, aber völlig planlos in sie hineinstolperte. Dabei hätte man den jetzigen Siegeszug der Taliban durchaus vorausahnen können.

Was nun aber passiert, ist genau das, was der Westen unbedingt vermeiden wollte: Es entsteht der Eindruck einer Hals-über-Kopf-artigen Flucht. Botschaften in Kabul werden heruntergefahren oder gleich ganz geschlossen. Deutsches Personal und - oh Wunder! - offenbar nun endlich auch einige einheimische Helfer der Bundeswehr werden ausgeflogen. Auch auf all dies hätte man sich schon längst mental einstellen, die Ortskräfte viel früher in Sicherheit bringen können. Es herrscht ein bitteres "Rette-sich-wer-kann-Klima".

Ob sich von den in 20 Jahren zwar mühsam, aber durchaus erzielten Errungenschaften am Hindukusch irgendetwas retten lässt, ist nicht gesagt. Und liegt nicht mehr in den Händen der Deutschen. Die sind seit dem Bundeswehr-Abzug ohnmächtig zum Zuschauen verdammt. Zum Schauen jenes Horrorfilms, der für die Afghanen selbst bittere Realität geworden ist.   

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. August 2021 um 19:00 Uhr.