Angela Merkel im Bundestag. | EPA
Kommentar

Afghanistan-Desaster Die außenpolitischen Trümmer der Kanzlerin

Stand: 27.08.2021 16:56 Uhr

Gerade außenpolitisch hat sich Kanzlerin Merkel in 16 Jahren den Respekt sämtlicher Staatenlenker erworben. Doch das Afghanistan-Desaster ist auch ihr anzulasten.

Ein Kommentar von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Besser hätte die deutsche Kanzlerin ihre Hilflosigkeit nicht auf den Punkt bringen können: "Das haben wir leider nicht mehr voll in der Hand", gab Angela Merkel, gefragt nach den Rettungsaussichten für die Ortskräfte, bereits kurz nach der Machtübernahme der Taliban offen zu.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Inzwischen ist klar: Nichts hat die Bundesregierung nun in Afghanistan nach dem Abzug der deutschen Truppen noch selbst in der Hand. Ausdruck dieses Entgleitens der Kontrolle: Inmitten einer Menschenmenge Verzweifelter sprengten sich nur Minuten vor dem Abheben des letzten Bundeswehr-Fliegers in Kabul Selbstmordattentäter des "Islamischen Staats" in die Luft.

Das ist das Land, das die internationale Gemeinschaft nach ihrem fluchtartigen Abzug hinterlässt - und im Stich lässt: Afghaninnen und Afghanen, die nach Freiheit und Sicherheit dürsten und doch nichts davon bekommen werden. Sie werden zurückgelassen in der Islamisten-Hölle. In die Enge getrieben schon jetzt vom grausamen Machtkampf zwischen Taliban und IS. Tausende Schutzbedürftige, denen die Bundesregierung Hilfe versprochen hatte, sind auf sich gestellt. Deutsche Soldaten, die sich jetzt fragen, was ihr Einsatz eigentlich wert war, sind wütend, frustriert, re-traumatisiert.

Zwei Minuten für die Tragödie

Und die Kanzlerin? Fast schon teilnahmslos. Selbst, wenn sie es nicht ist, wirkt sie doch so. Kurz nach den Horrormeldungen aus Kabul, dem Anschlag von Donnerstag: Die Kanzlerin widmet der Tragödie ganze zwei Minuten zum Auftakt einer ohnehin geplanten Pressekonferenz zum Thema Afrika.

Will Merkel einem Auftritt Gewicht verleihen, stellt sie sich im Kanzleramt vor Europa- und Deutschlandfahne an ein Rednerpult - dieses Ereignis in Kabul verdiente das aus ihrer Sicht offensichtlich nicht. Dass nur kurz zuvor an jenem Flughafentor noch deutsche Soldaten standen, an dem sich einer der Attentäter in die Luft sprengte, dürfte Merkel gewusst haben.

Nicht ihr Krieg

Doch Afghanistan ist für die Kanzlerin schon immer der "Krieg der anderen" gewesen. Nicht ihrer. So soll es bitte auch auf den letzten Metern bleiben. Besuche am Hindukusch oder Reden zu Afghanistan? Davon bitte nur das Nötigste, es könnte ja etwas von diesem ungemütlichen Thema auf sie abfärben - das war über Jahre die typische Merkel-Haltung. Auch die Regierungserklärung im Bundestag diese Woche schien für sie eher eine Art Pflichterfüllung. Ein Krieg der anderen mit Fehlern der anderen. Doch gerade in diesen letzten Tagen wäre mehr als Pflichterfüllung gefragt gewesen.

Merkels Versäumnis

Ja, es war US-Präsident Joe Biden, der die bedingungslose Abzugsentscheidung seines Vorgängers Donald Trump übernahm, sie an symbolträchtigen Daten wie dem 11. September ausrichtete und damit die Bündnispartner in die selbstverschuldete Ohnmacht trieb. Damit war die unheilvolle Saat für das Desaster am Hindukusch gesät. Doch dass die Bundesregierung nicht handelte, solange sie noch handeln konnte, Notfallpläne in Kraft setzte, Schutzbedürftige ausflog, ist auch Merkels Versäumnis.

Nun rächt sich die Distanz, die sie über Jahre zwischen sich und Afghanistan aufgebaut hat. Sie wäre nicht mehr zu überbrücken gewesen, selbst wenn Merkel gewollt hätte. Jahrelang hat die Kanzlerin entscheidend daran mitgewirkt, Deutschland, Europa und den Westen zu einem glaubwürdigen geopolitischen Akteur zu machen. Im Umgang mit Russland, als Vermittlerin im Ukraine- oder im Libyen-Konflikt. Am Hindukusch ist diese Glaubwürdigkeit des Westens innerhalb weniger Tage in sich zusammengestürzt. Und so sind die außenpolitischen Trümmer, vor denen die Weltgemeinschaft nun steht, auch die Trümmer der Angela Merkel. 

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wieder und nicht die der Redaktion.

Dieser Beitrag lief am 27. August 2021 um 17:20 Uhr auf NDR Info.