Afghanische Frauen in einer Fabrik in Kandahar | AFP
Kommentar

Jahrestag des Abzugs Afghanistan verdient weiter Unterstützung

Stand: 15.08.2022 18:36 Uhr

Für Afghanistans Niedergang tragen die USA und der Westen insgesamt Verantwortung - und die Afghanen selbst, meint Christoph Heinzle. Doch auch wenn der Westen sich 2021 abgewendet hat: Das Land verdient weiter Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Ein Kommentar von Christoph Heinzle, NDR

20 Jahre Afghanistaneinsatz - letztendlich, um die Taliban durch die Taliban zu ersetzen. Doch welche Fehler führten zum Niedergang des Landes? Wer war verantwortlich? Nicht nur der Westen unter Führung der USA, aber hier liegt die Hauptverantwortung. Definitiv, wenn man sich fragt, warum am Ende alles so schnell ging.

Christoph Heinzle

Die US-Präsidenten Donald Trump und Joe Biden wollten ihre Truppen unbedingt abziehen, nicht zuletzt wegen der exorbitanten Kosten des Militäreinsatzes. Raus aus Afghanistan, egal wie, schien die Devise. Nicht nur bekamen die Amerikaner kaum Gegenleistungen, als sie den Taliban 2020 den Abzug aller westlicher Truppen versprachen. Nein, Biden setzte ein festes Abzugsdatum, den symbolträchtigen 11. September - 9/11. Für die Taliban das Signal, dass sie ihren Eroberungsfeldzug durch die Provinzen fortführen konnten. Für die afghanischen Sicherheitskräfte die Botschaft, dass sie bald alleine dastehen würden.  

Eine größere, umfassendere Verantwortung trägt der Westen, weil er seit 2001 - als der Krieg gegen den Terror begann - seine Ziele für Afghanistan nie klar formuliert hat. War der Einsatz nur eine Anti-Terroroperation? Oder eine internationale Anstrengung zur Etablierung von Demokratie und Menschenrechten, zum Aufbau von Wirtschaft und Infrastruktur? Denn nur wer Ziele hat, kann prüfen, ob er sie erreicht und er das Land verlassen kann.

Die Verantwortung der Afghanen

Die Afghanen tragen aber auch selbst Schuld. Weil die politische Elite es sich bequem gemacht hat in der finanziellen Abhängigkeit von der internationalen Gemeinschaft. Weil die Afghanen nie genug getan haben gegen Korruption und Vetternwirtschaft. Weil sie Warlords und Mächtige der alten Zeiten stützten, statt neue Gesichter zu fördern. Weil die Regierenden nicht genug getan haben, ihr Volk von der Demokratie zu begeistern.

Afghanistan hatte die Aufmerksamkeit der Welt, 20 Jahre lang. Hilfsprojekte, Geberkonferenzen und über allem eine gigantische, Militäroperation einer breiten Koalition der Willigen: Die internationale Gemeinschaft hat all das sicherlich nicht selbstlos finanziert. Es ging um den Kampf gegen den Terror, gegen Al Kaida vor allem. Es ging um die Ideale westlicher Demokratien. Es ging um Fluchtbewegungen und Wirtschaftsinteressen.

Und es ging um geostrategische Interessen - in einer Region zwischen den Einflusssphären der Großmächte China und Russland, der verfeindeten Atomstaaten Indien und Pakistan - zwischen weltlichen und religiös geprägten Regierungen. Diese Lage brachte Afghanistan immer schon Kriege und Umbrüche: vom Einmarsch der Sowjetarmee über den Siegeszug der von Pakistan und den USA unterstützen Taliban bis zum US-geführten "war on terror".

Erst Aufmerksamkeit - dann Abwendung

Dieser Umbruch ab 2001 brachte dem Land viel: bessere Gesundheitsversorgung, niedrigere Kindersterblichkeit, mehr Schulen, mehr Bildung, mehr Freiheiten, bessere Infrastruktur. Und eben: ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit, die auch den Militärs galt. Die deutsche Öffentlichkeit etwa nahm Anteil am Bundeswehreinsatz.

Jetzt sind die ausländischen Soldatinnen und Soldaten weg, die meisten Hilftsteams. Jetzt hat sich die Welt abgewendet. Doch Afghanistan verdient Aufmerksamkeit und die Menschen dort verdienen Unterstützung. Und Afghanistan verdient Ehrlichkeit bei der Aufklärung, warum es kam, wie es kam.

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. August 2022 um 12:30 Uhr.