Bundeswehrsoldaten tragen auf dem Flughafen in Masar-i-Scharif zu einem wartenden Hubschrauber eine Feldkiste (Archivbild vom 08.12.2015). | dpa
Kommentar

Afghanistan-Einsatz Zwischen Scheitern und Versagen

Stand: 18.08.2021 10:57 Uhr

Tausende getötete Soldaten, unzählige zivile Opfer, Kosten in Billionenhöhe und nun das. Nicht nur die NATO ist mit dem Afghanistan-Einsatz gescheitert, sondern auch die Bundesregierung.

Ein Kommentar von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Generalsekretär Jens Stoltenberg hat gestern erstaunlich offen das Dilemma ausgesprochen, vor dem die NATO in Afghanistan stand. Entweder bleiben, mit dem Risiko von den Taliban angegriffen zu werden - die sichere Folge wäre ein blutiger Kampfeinsatz gewesen, mit unzähligen Toten. Oder, zweite Option, abziehen - dann mit dem Risiko, dass die Taliban das Land wieder unter ihre Kontrolle bringen.

Helga Schmidt ARD-Studio Brüssel

Welche Option die NATO gewählt hat, ist bekannt und immerhin, Blutvergießen in größerem Ausmaß ist wohl bisher vermieden worden. Hoffentlich bleibt es dabei.

Traurige Bilanz

Eine Militär-Allianz, die nach 20 Jahren Einsatz nicht mehr vorweisen kann, als zwei schlechte Optionen, die nur noch die Wahl hat zwischen Scheitern und Versagen, braucht dringend eine ehrliche Bilanz: Tausende getöteter Soldaten, Opfer in der Zivilbevölkerung, die noch viel höher sind und Billionen-Kosten fürs Militär, was die Auftragsbücher der Rüstungsindustrie gefüllt hat, ansonsten unsere Volkswirtschaften aber über Jahre noch schwer belasten wird.

All das ist ein hoher Preis und deshalb muss die Frage gestellt werden, wie es so weit kommen konnte, dass das mächtigste Militärbündnis der Welt jetzt bangen muss, die eigenen Leute rauszukriegen aus dem Chaos in Kabul.

Zum Scheitern verurteilt

Vieles ist schiefgegangen, viele Fehler wurden gemacht. Vor allem hat man die  Gelegenheit verpasst für einen halbwegs anständigen Abzug. Das wäre möglich gewesen, als der Al-Kaida-Terror eingedämmt war. Stattdessen wurde der Einsatz aber noch ausgeweitet, man wollte dem Land am Hindukusch einen demokratischen Rechtsstaat verpassen, nach westlichem Vorbild, das konnte nicht gelingen.

Zeitweilig waren 100.000 internationale Soldaten im Land. Der Westen hat viel zu sehr aufs Militär gesetzt, sich mit fragwürdigen Warlords verbündet und tatenlos zugesehen, wie die wechselnden Regierungen in Kabul sich die Taschen vollmachten mit den westlichen Hilfsgeldern, während die eigenen Soldaten nicht mehr bezahlt wurden. Kein Wunder, dass viele von ihnen übergelaufen sind zu den Taliban, und andere einfach nicht mehr Leben ihr riskieren wollten. Wofür hätten sie das tun sollen? 

Hürden, wo keine waren

Die NATO ist in Afghanistan gescheitert. Aber da ist auch die deutsche Bundesregierung gescheitert. Sie hat Hunderte Ortskräfte im Stich gelassen. Statt sie auszufliegen, wurden bürokratische Hürden aufgebaut. Vor zehn Tagen noch schob Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer die Schuld auf die afghanischen Behörden, sie würden nicht die nötigen Reisepässe ausstellen.

Bloß: Behörden, wie die deutsche Ministerin sie sich ausmalte, gab es zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr. Sie und Außenminister Maas vergeudeten Zeit, als man noch hätte handeln können. Maas und Kramp-Karrenbauer: der Verantwortung für den Abzug schlicht nicht gewachsen.

Eine Politik der Gleichgültigkeit

Merkwürdig gleichgültig auch die Bundeskanzlerin. Von 20 Jahren Afghanistan-Einsatz stand sie immerhin 16 Jahre an der Spitze. Aber erinnert sich eigentlich jemand an eine Rede, in der Angela Merkel einmal den Einsatz der Soldaten und Soldatinnen so richtig gewürdigt hätte? Den Deutschen erklärt hätte, was in Afghanistan auf dem Spiel stand, wie die Dinge wirklich stehen, jenseits von Brunnenbau und Mädchenschulen? Schließlich war aus der einstigen Friedensarmee in Afghanistan eine Einsatzarmee geworden. Ich erinnere mich nicht.

Aber mir fiel auf, wie allein die letzten Rückkehrer aus Afghanistan waren, als sie im Juni in Deutschland landeten. Kein Politiker war dabei, niemand war zum Empfang gekommen. Dass Angela Merkel das zugelassen hat, war ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die gerade ihr Leben riskiert hatten. Und ein trauriger Schlussakkord für eine Bundesregierung, die den Afghanistan-Einsatz bis zuletzt gleichgültig und manchmal sogar dilettantisch abgewickelt hat. 

Gut, dass das endlich vorbei ist.

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. August 2021 um 09:47 Uhr.