Kanzlerin Merkel im Bundestag | AP
Kommentar

Afghanistan-Einsatz Nicht der Krieg der Kanzlerin

Stand: 25.08.2021 16:13 Uhr

Angela Merkel hat in ihrer fast 16-jährigen Amtszeit viel dafür getan, den Krieg in Afghanistan von sich fern zu halten. Auch heute im Bundestag korrigierte sie diesen Eindruck nicht.

Ein Kommentar von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Dieser Krieg ist nicht ihr Krieg - diesen Eindruck hat Angela Merkel während ihrer fast 16-jährigen Amtszeit stets erweckt. Jetzt, genau in diesem Moment, angesichts der herzzerreißenden Bilder vom Flughafen in Kabul, in diesem Moment, indem das Leben Tausender Afghaninnen und Afghanen am seidenen Faden hängt und die Glaubwürdigkeit des von den Taliban gedemütigten Westens auf dem Spiel steht, hätte die Bundeskanzlerin diesen Eindruck korrigieren können. Korrigieren müssen. Diese Chance hat Merkel, die zu Trump-Zeiten als "Anführerin des freien Westens" gefeiert wurde, verpasst.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Die Betroffenheit über das Schicksal der Afghanen mag ihr im Bundestag anzumerken gewesen sein. Ansonsten aber stellte die Kanzlerin viele Fragen, ohne Antworten zu geben - bemerkenswert nach 20 Jahren Einsatz am Hindukusch. Sie machte Andeutungen, dass die Fehler woanders zu suchen sein könnten: bei den USA mit ihrem bedingungslosen Abzugsdatum. Bei der atemberaubend rasch implodierten afghanischen Armee oder wahlweise bei der afghanischen Kultur. Eine Fehlersuche bei sich selbst oder auch den zuständigen Ministerien - Innen, Außen, Verteidigung - kam Merkel nicht in den Sinn, geschweige denn über die Lippen.

Merkel sprach kaum über Afghanistan

Angebracht wäre das gewesen angesichts des Zeitlupentempos, in dem die Bundesregierung in den vergangenen Wochen und Monaten handelte. Und es damit versäumt hat, jenen zu helfen, die einst am Hindukusch halfen: den Ortskräften. Für die sich nun das Zeitfenster für eine Flucht schließt - womöglich für immer.

Doch die Kanzlerin hat diesen Krieg in Afghanistan nie als den ihren verstanden - und natürlich soll das auch nicht für das Desaster gelten, in dem er nun mündet. 

Es ist sage und schreibe mehr als acht Jahre her, dass Merkel sich am Hindukusch sehen ließ. Zum wichtigsten Auslandseinsatz der Bundeswehr äußerte sie sich stets überhaupt nur, wenn es sich wirklich gar nicht mehr vermeiden ließ. Als habe dieser 2001 ursprünglich von Rot-Grün beschlossene Einsatz etwas Toxisches, das man sich lieber weit vom Leibe hält. Doch genau das war und ist das Problem. Wenn schon die Kanzlerin nicht über Afghanistan und Auslandseinsätze reden wollte, warum sollte es dann die Gesellschaft tun?

Die unselige Debatte über den Begriff "Krieg"

Und so zeigt sich in der Merkel-Ansprache in einer Art Mikrokosmos das, was am Hindukusch über 20 Jahre schiefgelaufen ist: Betroffenheit ja, aber eine bemerkenswerte Scheu, Verantwortung zu übernehmen und Fehler zu benennen. Gepaart mit der Tendenz, die Dinge kosmetisch aufzuhübschen. Man denke nur zurück an die unselige Debatte, ob man wirklich von "Krieg" sprechen dürfe, während sich die Bundeswehr täglich Feuergefechte mit den Taliban in Kundus lieferte.

Und wenn Merkel schon nicht zugeben mochte, dass man nun nicht nur die Afghanen im Stich lässt, sondern auch den Ruf des Westens am Hindukusch ruiniert hat, so hätte sie wenigstens ein Szenario entwerfen können, in dem diese Fehler der Vergangenheit nicht zu den Fehlern der Zukunft werden: In dem sich etwa die Europäer eines Tages in die Lage versetzen, eine Luftbrücke notfalls auch ohne die USA aufrecht erhalten zu können. Zu diesen Erkenntnissen wäre Merkel jedoch nur gekommen, wenn sie sich je eingestanden hätte: Dieser Krieg ist auch ihr Krieg. 

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 25. August 2021 um 17:08 Uhr.