Menschen stehen an einem ausgebrannten Truck | EPA
Kommentar

Nach Abzug westlicher Truppen In Afghanistan herrscht Bürgerkrieg

Stand: 06.08.2021 17:34 Uhr

Afghanistan wird ein Taliban-Staat: Im ganzen Land finden Kämpfe statt, Zivilisten werden vertrieben und getötet. Längst herrscht Bürgerkrieg, und der ist ein Zeugnis des Versagens der westlichen Mächte.

Ein Kommentar von Peter Hornung, ARD-Studio Neu Delhi

Es ist genau fünf Wochen her, dass die Bundeswehr aus Afghanistan abgezogen ist und das militärische Engagement Deutschlands am Hindukusch damit sein Ende fand. Doch man muss die Nachrichten seither nicht einmal sehr aufmerksam verfolgt haben, um zu wissen: Wir werden Afghanistan nicht los - auch nicht als Thema in der deutschen Innenpolitik. Denn zwei Fragen bleiben offen.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Zum einen: Was geschieht mit denjenigen, die für die Deutschen gearbeitet haben - und die nun zurecht Angst haben vor der Rache der anrückenden Taliban? Es gibt zwar ein sogenanntes Ortskräfteverfahren, durch das diejenigen Afghanen Visa bekommen können, die einen Arbeitsvertrag unmittelbar mit der Bundeswehr hatten.

Doch das Verfahren ist kompliziert und vor allem: Es schließt diejenigen aus, die nicht unmittelbar bei der Bundeswehr angestellt waren, sondern bei Subunternehmen. Die Bundesregierung zeigt sich hier hartleibig. Nicht erstaunlich, denn bald sind Bundestagswahlen und da soll die Zahl der Einwanderer möglichst kleingehalten werden. Deshalb fehlt ganz offenbar der politische Wille, allen Menschen ein Aufnahmeangebot zu machen, denen aufgrund ihrer Arbeit für die Deutschen Gefahr drohen könnte. Andere Staaten wie die USA oder auch Italien sind da viel großzügiger.

Debatte um Abschiebungen

Und dann gibt es die Frage, ob man abgelehnte, oft straffällig gewordene Asylbewerber derzeit nach Afghanistan abschieben darf. Afghanistan sei ja nicht überall unsicher, heißt es dann. Nach Kabul zumindest, in die Hauptstadt, könne man diese Menschen doch tatsächlich bringen. Auffällig ist, dass von den Befürwortern der Abschiebungen der Begriff "Bürgerkrieg" tunlichst vermieden wird. Kein Wunder, denn sonst müsste man sich eingestehen, dass man in ein Bürgerkriegsland gar nicht abschieben darf - siehe Syrien.

Überhaupt "Bürgerkrieg": Dieses Wort hört man im Zusammenhang mit der augenblicklichen Lage in Afghanistan noch recht selten. Der ehemalige US-Oberkommandierende im Land sagte vor zwei Wochen sogar, er glaube gar nicht, "dass es zwangsläufig zu einem Bürgerkrieg in Afghanistan kommen wird". Um es klar zu sagen: Das ist ein Bürgerkrieg. Zitat Duden: Ein Bürgerkrieg ist eine "zwischen verschiedenen (politischen) Gruppen innerhalb der eigenen Staatsgrenzen ausgetragene bewaffnete Auseinandersetzung." 

Kämpfe im ganzen Land

Ungefahr 75.000 Taliban - mehr oder minder schwer bewaffnete, gut organisierte und vor allem hochmotivierte Kämpfer - greifen die afghanischen Sicherheitskräften an, 300.000 an der Zahl, aber mit sehr unterschiedlicher Bewaffnung und Kampfbereitschaft. Es gibt Kämpfe im ganzen Land, auch mit schweren Waffen. Zivilisten werden vertrieben, als menschliche Schutzschilde missbraucht, traumatisiert, verletzt, viele sterben. Was, bitteschön, soll das anderes sein als ein Bürgerkrieg?

Dieser Bürgerkrieg ist das desaströse Abschlusszeugnis für ein zwanzigjähriges internationales Engagement, das nun mit wortreichen Erklärungen auch aus Deutschland schöngeredet werden soll. Wenn es heißt, man werde sich weiter in Afghanistan diplomatisch und wirtschaftlich engagieren, klingt das in den Ohren der Afghanen wie Hohn. Und vor allem in denen der Afghaninnen übrigens - denn ihnen droht im künftigen Afghanistan die fast vollkommene Entrechtung.

Das Land - dazu muss man kein Hellseher sein - wird in einigen Monaten, vielleicht auch erst in ein, zwei Jahren, ein vollkommen anderes sein. Und zwar nicht eines, wie man sich es in Berlin, London und Washington wünscht - mit allen an einem Tisch, auch den bis dahin domestizierten, "gemäßigten" Taliban. So eine Regierung wird es nicht geben, sie ist Fiktion. 

Die Taliban haben die militärische Macht

Afghanistan wird ein Islamisches Emirat sein, ein Taliban-Staat. Nichts anderes wollen die Radikalislamisten. Sie haben dazu die militärische Macht, und es wird bald keiner mehr da sein, der sie wirklich aufhalten kann. Die Menschen, die seit Tagen in Kabul und anderen Städten auf die Straße gehen, um gegen die Taliban zu protestieren - sie werden bald nur noch die Wahl haben, den neuen Staat zu ertragen oder das Land zu verlassen.

Und hier sind wir flugs wieder bei der deutschen Innenpolitik, denn nicht wenige der Menschen wollen nach Deutschland. Deshalb wird sich uns dann die Frage stellen: Was tun mit den Flüchtlingen, den Zehntausenden, vielleicht bald Hunderttausenden? Eine einfache Antwort darauf wird es nicht geben - egal wer künftig im Kanzleramt sitzt. Denn das ist klar: Der gesamte Westen hat in Afghanistan seine Glaubwürdigkeit verspielt. Und deshalb werden auch wir Afghanistan nicht los.

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. August 2021 um 16:40 Uhr.