Kommentar

Abkommen für Afghanistan Ein großer Erfolg - für die Taliban

Stand: 29.02.2020 17:27 Uhr

Das Abkommen zwischen den USA und den Taliban sichert Afghanistan keinen schnellen Frieden. Die Afghanen sind sich selbst überlassen. Jubeln dürfen vor allem die Taliban.

Ein Kommentar von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Kommt jetzt der Frieden nach Afghanistan? Noch nicht, muss man sagen. Aber es gibt Hoffnung. So nahe am Frieden war das Land schon lange nicht mehr. Nach knapp 19 Jahren Krieg gab es jetzt wenigstens schon einmal eine Woche lang eine Phase der reduzierten Gewalt, an die sich alle Seiten, auch die Taliban, weitgehend hielten. Dieser erfolgreiche Test ermöglichte die Unterzeichnung der Vereinbarung von Doha überhaupt.

Eine Friedensvereinbarung ist das noch nicht. Eher eine Vereinbarung, die den Frieden ermöglichen soll. So lautet auch der offizielle Titel des Dokuments. Ein Abzug der US-Truppen soll eingeleitet werden und die Taliban sollen sich im Gegenzug verpflichten, künftig keinen Terrorgruppen mehr Zuflucht zu gewähren.

Großer Erfolg für Taliban

Die Taliban erwarten, dass alle ausländischen Soldaten, "Besatzer" wie sie sie bezeichnen, das Land möglichst umgehend verlassen. Die USA sind dazu offenbar bereit. Knapp 5000 Soldaten in den nächsten 130 Tagen, innerhalb von 14 Monaten sollen dann alle US-Truppen das Land verlassen. Für die Taliban ist das ein großer Erfolg - eigentlich die Erfüllung ihrer Maximalforderung. Denn ohne ausreichende Unterstützung durch die US-Soldaten und ihrer Luftwaffe werden die afghanischen Streitkräfte kaum in der Lage sein, den Taliban militärisch etwas entgegenzusetzen, wenn die irgendwann auch noch den Rest des Landes gewaltsam wieder unter ihre Kontrolle bringen wollten.

Die Taliban fühlen sich als Sieger des jahrelangen Krieges, der nach den Anschlägen vom 11. September im Jahr 2001 mit dem Einmarsch der USA und ihren Verbündeten begann. Bereits während der monatelangen Verhandlungen in Doha diktierten sie Zeitplan und Rahmenbedingungen. Jetzt gehen die Taliban, deren Regime im Jahr 2001 gestürzt worden war, mit Selbstbewusstsein in den geplanten innerafghanischen Dialog, der als dritter Punkt ein Teil der Vereinbarung von Doha ist. Selbstbewusst nicht zuletzt deshalb, weil die afghanische Regierung so schwach ist, wie nie zuvor. Die politischen Kräfte in Kabul sind hoffnungslos zerstritten. Wer künftig die Zukunft des Landes gestalten, und die Interessen der Afghanen gegenüber den rückwärtsgewandten Vorstellungen der Islamisten schützen soll, ist völlig unklar.

Geschwächte Verhandlungsposition

Schuld an der Misere sind nicht zuletzt die USA. Präsident Donald Trump wollte den Truppenabzug aus Afghanistan um jeden Preis, weil ihm das im Wahlkampf für seine Wiederwahl Stimmen bringen kann. Mit einer derart geschwächten Verhandlungsposition konnte die US-Delegation den Taliban kaum Zugeständnisse abgewinnen.

Und was wird nun aus den Afghanen? Frieden gibt es vielleicht - irgendwann. Das ist durchaus etwas wert. Aber die Errungenschaften der vergangenen Jahre - Demokratie und Pressefreiheit, ein weitgehendes Selbstbestimmungsrecht für die Frauen in Afghanistan, das ihnen unter der Taliban-Herrschaft versagt war - all das könnte der Vereinbarung von Doha zum Opfer fallen. Die Taliban haben immer wieder klar gemacht, wie sie sich die Zukunft des Landes vorstellen, nämlich rückwärtsgewandt. Wie in den Zeiten des islamischen Emirats, als sie an der Macht waren.

Die USA ziehen ab aus Afghanistan und mit ihnen wohl auch die westlichen Verbündeten. Der Weltpolizist, der keiner mehr sein will, beendet auch den längsten Krieg, den die USA je geführt haben, nicht gerade siegreich.

Mit dem Abzug, der in Doha vereinbart wurde, überlassen die USA die Afghanen ihrem Schicksal. Am Verhandlungstisch mit den Taliban und auf dem Schlachtfeld. Denn die Islamisten werden so lange kämpfen - künftig mit den afghanischen Streitkräften - bis sie ihr Ziel erreicht haben. Frieden in Afghanistan gibt es auch nach der Vereinbarung von Doha noch lange nicht.

Kommentar: Afghanistan - ein bisschen Frieden
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
29.02.2020 16:30 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Februar 2020 um 20:00 Uhr.

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