Kommentar

100 Jahre Unabhängigkeit Afghanistan braucht den Westen

Stand: 18.08.2019 15:41 Uhr

Kein Frieden in Afghanistan - jeden Tag gibt es neue Anschläge. Die Streit- und Sicherheitskräfte sind überfordert. Die Zukunft des Landes steht auf der Kippe - ein Abzug der US-Soldaten und anderer Länder wäre unverantwortlich.

Ein Kommentar von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Es gibt keinen Frieden in Afghanistan.Terror und Gewalt sind an der Tagesordnung. Das hat auch der Selbstmordanschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft am Samstagabend gezeigt mit mehr als 60 Toten und mehr als 180 Verletzten, darunter viele Frauen und Kinder.

Solche Anschläge und Angriffe der Taliban und anderer Gruppen, wie der Terrororganisation "Islamischer Staat", gibt es fast jeden Tag - in Kabul und in vielen Provinzhauptstädten. Die afghanischen Streitkräfte und die Polizei sind schon lange überfordert mit der Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen seit dem Abzug der internationalen Kampftruppen im Jahr 2014.

Jetzt wird davon geredet, dass auch die restlichen US-Streitkräfte und die Soldaten anderer Länder bald abziehen könnten. Auch die Bundeswehr, die mit bis zu 1300 Soldaten an der Ausbildungs- und Unterstützungsmission "Resolute Support" beteiligt ist, würde ihren Einsatz beenden.

US-Rückzug wäre unverantwortlich

Und dann? Wer glaubt, dann werde wieder Frieden herrschen in Afghanistan, irrt. Wenn die USA, die seit mehr als einem Jahr mit der Taliban-Führung in Doha über ein Ende des längsten amerikanischen Krieges verhandeln, sich tatsächlich aus Afghanistan zurückziehen, wäre das unverantwortlich.

US-Präsident Donald Trump spielt ein gefährliches Spiel, denn er ist offenbar entschlossen, den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan in seinem Wahlkampf zu instrumentalisieren. Seine Wiederwahl ist ihm wichtiger als das Schicksal des afghanischen Volkes.

Furcht vor der Macht der Taliban

Schon lange wird die Annäherung zwischen der US-Delegation und den Taliban in Doha in Afghanistan selbst mit Sorge verfolgt. Viele Afghanen, vor allem die Frauen, fürchten sich vor einer Rückkehr der Taliban an die Macht. Die radikalen Islamisten sprechen offen von einer Wiederherstellung des "Islamischen Emirates von Afghanistan", wie das Land während der fünf Jahre dauernden Herrschaft der Taliban bis 2001 genannt wurde. Alle demokratischen und freiheitlichen Errungenschaften der vergangenen 18 Jahre wären dann mit einem Schlag zunichte.

Dabei hat Afghanistan, das morgen 100 Jahre Unabhängigkeit feiert, schon einmal bessere Zeiten erlebt. In den 30er -Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als Mohammad Zahir Schah, an der Spitze einer konstitutionellen Monarchie, demokratische Reformen einführte, mit Wahlen, bei denen auch Frauen Wahlrecht hatten, mit Pressefreiheit und einer modernen Infrastruktur - bis zum Einmarsch der Sowjetunion 1979. Seitdem kennen die Afghanen nur noch Krieg, Bürgerkrieg, Unterdrückung und Terror.

Regierung zu schwach

Nun steht die Zukunft Afghanistans erneut auf der Kippe. Die Regierung ist zu schwach, um die Herausforderungen der nächsten Monate zu meistern. Die Amtszeit von Präsident Ashraf Ghani ist längst abgelaufen, weil die Wahlen schon mehrmals verschoben wurden. Ob sie, wie geplant am 28. September stattfinden, ist ungewiss.

Afghanistan in dieser Situation sich selbst zu überlassen, wäre eine Katastrophe. Für die Afghanen, aber auch für uns und den Rest der Welt - denn unsere Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt. Dieser Satz des früheren Bundesverteidigungsministers, Peter Struck, gilt heute mehr denn je. Wer wollte sich schon auf die Verpflichtungserklärung der Taliban verlassen, künftig keine Terrorgruppen mehr im Land zu beherbergen, die von Afghanistan aus Anschläge im Westen planen und verüben, wie einst Osama bin Laden und seine Al Kaida-Gruppe? Afghanistan braucht weiter die Unterstützung des Westens. Die toten Hochzeitsgäste von gestern Abend sind dafür der deutlichste Beleg.

Kommentar: Abzug der US-Truppen aus Afghanistan wäre unverantwortlich
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu Delhi
18.08.2019 14:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. August 2019 um 13:15 Uhr.

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