Björn Höcke | dpa
Kommentar

AfD-Spitzenduo Keine Mehrheit für Abgrenzung zum "Flügel"

Stand: 25.05.2021 13:34 Uhr

Die Wahl von Weidel und Chrupalla als AfD-Spitzenkandidaten ist vor allem eine Niederlage für Co-Parteichef Meuthen. Und sie zeigt, dass es keine Mehrheit für die Abgrenzung zum völkischen Lager gibt.

Ein Kommentar von Birgit Schmeitzner,  ARD Hauptstadtstudio

Auf den ersten Blick sehen 71 Prozent für das Spitzenduo Alice Weidel/Tino Chrupalla bei der Mitgliederbefragung der AfD gut aus. Sie haben damit auch einen deutlichen Abstand zu Joana Cotar/Joachim Wundrak, das Alternativ-Team für den Bundestagswahlkampf kam auf 27 Prozent. Das Ergebnis ist allerdings kein "Durchmarsch" für Weidel und Chrupalla: Nur knapp die Hälfte der Stimmberechtigten hat überhaupt mitgemacht bei der Online-Abstimmung. Das muss für eine Partei, die für sich die Basisdemokratie so hochhält, enttäuschend sein.

Birgit Schmeitzner ARD-Hauptstadtstudio

Bekannte Gesichter ziehen mehr

Dass sich das Team aus Bundestagsfraktionschefin und Co-Parteichef durchgesetzt hat, dürfte mehrere Gründe haben. Weidel und Chrupalla gehören zu den bekanntesten Gesichtern der AfD. Sie sind über ihre Funktionärsposten gut vernetzt und mit Macht ausgestattet. Sie traten über die Jahre mehrfach in Fernsehtalkshows auf. Das spricht für "Zugpferd"-Qualitäten im anstehenden Bundestagswahlkampf. Das mag so manch innerparteiliche Bedenken wegen ihrer guten Vernetzung mit dem völkischen Lager um den Thüringer Landeschef Björn Höcke überstrahlt haben.

Meuthens Abgrenzung zu Höcke

Einer, der für diese Bedenken steht, ist Chrupallas Co-Parteichef Jörg Meuthen. Der AfD-Europaabgeordnete ist zuletzt deutlich von Höcke abgerückt und beansprucht für sich, die "Gemäßigten" in der Partei zu repräsentieren. Meuthen hatte ein Team favorisiert, das im Sinne der innerparteilichen Strömungen ausbalancierter gewesen wäre: Der von der Ost-AfD favorisierte sächsische Handwerksmeister Chrupalla stand ja schon seit Monaten bereit. Meuthen hätte dazu gern Joana Cotar im Spitzenteam gesehen. Die Bundestagsabgeordnete stammt aus Hessen und deckt damit Westdeutschland ab. Sie formuliert durchaus scharf - will aber nicht dem Höcke-Lager zugerechnet werden.

Wenn mitreißende Reden den Unterschied machen

Das Team Chrupalla/Cotar hätte beim Parteitag in Dresden gute Chancen bei den Delegierten gehabt. Weidel wollte dort gar nicht erst antreten, Cotar ist eine versierte Rednerin und hätte wohl Stimmung für sich machen können. Bei der Online-Abstimmung der AfD-Mitglieder fehlte ihr nun aber dieser Rückenwind. Den brachte auch ihr Tandem-Partner Joachim Wundrak, ein Drei-Sterne-General im Ruhestand, nicht mit. Er ist zwar Spitzenkandidat der Niedersachsen-AfD für die Bundestagswahl, hat aber als politische Erfahrung bisher nur eine gescheiterte Kandidatur für das Oberbürgermeisteramt in Hannover vorzuweisen.

Meuthen auf Abruf, Weidel im Aufwind

Das Scheitern von Cotar und Wundrak ist auch ein Scheitern von Meuthen. Sein Vorstoß, nicht die Parteitagsdelegierten, sondern alle AfD-Mitglieder entscheiden zu lassen, hat sich als taktischer Fehler herausgestellt. Dass sich "sein" Team nicht durchsetzen konnte, bedeutet auch: Es gibt an der Basis keine Mehrheit für Meuthens innerparteiliche Abgrenzung zu Höcke und dessen formal aufgelösten "Flügel".

Weidel hingegen kann sich freuen. Ihre Wahlschlappe bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg hat ihr nicht geschadet. Auch die drohende Strafe wegen dubioser Spenden und der Unmut in der Bundestagsfraktion über ihren Führungsstil scheint die AfD-Mitglieder nicht zu stören. Weidel ist mit dem heutigen Wahlergebnis im Aufwind. Mit einem entsprechenden Bundestagswahlergebnis könnte sie bei der AfD-Vorstandswahl Ende des Jahres aufrücken - von der stellvertretenden Bundessprecherin zur Co-Vorsitzenden.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. Mai 2021 um 12:00 Uhr.